Medien : Nachrichten im Sturzflug

Aus der Satellitenperspektive zum Zuschauer. Warum kaum ein Sender auf Google Earth und Co. verzichtet

Nader Moinzadeh

Wie ein Vogel über die Erde gleiten, bekannte Orte besuchen oder sich zu unbekannten Plätzen führen zu lassen – an seinem Computermonitor kann man das bereits seit einiger Zeit. Die dafür nötigen Programme Google Earth und Microsoft Virtual Earth wurden bereits mehr als 250 Millionen Mal von Internetnutzern heruntergeladen. Aber auch professionelle Nutzer, vor allem die Fernsehsender, greifen gerne auf diese Visualisierungstechniken zurück, um „den Sehgewohnheiten des Zuschauers“ nachzukommen, wie es beim ZDF heißt, oder weil sie „aufgrund der Bewegung zum Medium Fernsehen“ passen. Aus der Satellitenperspektive die Ausmaße eines Staudamm-Projektes zu zeigen, wie unlängst in einem Beitrag für die ARD-Kultursendung „ttt – titel, thesen, temperamente“, ist eben anschaulicher als die alte Landkartendarstellung.

Für ihre Illustrationen benötigen die Sender allerdings eine besondere Lizenz sowie eine erweiterte Version der Programme, um dann mit Werkzeugen wie dem „Movie-Maker“ die Filme zu erstellen. So entsteht aus den Google-Earth-Bildern erst das sendefähige Bildmaterial – wie etwa der Sturzflug auf den Bestimmungsort. „Google-Bilder müssen für das Fernsehbild vor der Ausstrahlung aufbereitet werden“, erläutert ARD-Chefredakteur Kai Gniffke, dessen Redaktion „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ produziert. Ohne die Module müsste man sich mit einer Kamera zum Abfilmen vor einen Monitor stellen. Seit März 2006 werde in der „Tagesschau“ Google Earth benutzt. „Als wir begannen, mit den Google-Bildern zu arbeiten, gab es kein anderes Produkt, das diese Leistungen erbrachte“, erklärt Gniffke. Aber: „Wenn die mit Google vereinbarte Zusammenarbeit beendet ist, behalten wir uns vor, mit einer anderen Software zu arbeiten.“ Zu der Vereinbarung mit Google gehört neben der jährlichen Lizenzgebühr in Höhe von 400 Dollar die Auflage, den Produktnamen bei Verwendung der Software stets als Quelle auf dem Bildschirm einzublenden. „Diese Einblendung des Namens ist für uns eine wichtige Werbeform“, sagt Google- Deutschland-Sprecher Stefan Keuchel: „Das hilft uns enorm, Google Earth bekannt zu machen.“

Google und Microsoft sehen ihre Dienste weniger als Mittel zum Geldverdienen, sondern als „strategische Investition“, denn auch ihnen entstehen Kosten. Das Bildmaterial für Google Earth und Microsoft Virtual Earth stammt wiederum aus anderen Quellen wie etwa dem Unternehmen DigitalGlobe, das Aufnahmen aus dem All macht und an seine Kunden weitergibt. „Wir sind kein Inhaltelieferant, wir bieten vielmehr eine technische Möglichkeit, Orte hervorzuheben“, erklärt Stefan Keuchel. „Quellenangaben in TV-Bildern sind nicht so ungewöhnlich“, sagt n-tv-Chefredakteur Volker Wasmuth. Das habe mit der Exklusivität des verwendeten Materials und auch mit dem Preis zu tun. „Die Namensnennung ist Teil des Rechtepakets, das wir mit den Anbietern abgeschlossen haben“, sagt Wasmuth, dessen Redaktion sowohl Google Earth als auch Microsoft Virtual Earth verwendet. Der Berliner Konkurrent N24 baut Google-Earth-Bilder seit Ende letzten Jahres in seine Nachrichten ein, „um die Optik von Landkarten und deren Informationen aufzuwerten“, wie N24-Sprecher Thorsten Pütsch betont: „Der Zoom-Effekt von Google Earth bildet lediglich eine Ergänzung der herkömmlichen Informationen und Grafiken und ersetzt diese nicht.“

In der ZDF-Hauptredaktion Aktuelles werden ebenfalls Bilder von Google Earth benutzt. Allerdings sehr zurückhaltend, wie die Leiterin der „heute“-Redaktion, Bettina Warken, betont: „Das ,heute-journal‘ verwendet diese Art der Kartenaufbereitung aus journalistischen Gründen nur selten. Besonders, wenn es um politische Karten geht, erstellen wir die Animationen selbst.“ Nur bei besonders detailgenauen Darstellungen würde die ZDF-Redaktion Google Earth einsetzen. Dieses Verfahren sei oft schneller und passe sich „bei engen Bildausschnitten auch den Sehgewohnheiten des Zuschauers an“.

Gleichwohl: Derzeit kommt das Fernsehen an den Satellitenbildern nicht vorbei: Sowohl in den Nachrichten als auch in Dokumentationen und Reportagen und selbst in der ARD-„Sportschau“ werden sie für einen Sturzflug aus dem All in Richtung Arena eingesetzt. Und damit sind die Möglichkeiten noch lange nicht erschöpft: Derzeit fänden Planungen für eine tägliche Quizshow statt, in der Google Earth eine wichtige Rolle spielen soll, verrät Deutschland-Sprecher Keuchel. „Die Verhandlungen mit den Produzenten laufen bereits.“

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