Nachruf : Abschied von „mes“

Der Journalist Martin E. Süskind ist im Alter von 65 Jahren gestorben. Warum sogar Helmut Kohl den Redenschreiber von Willy Brandt bewunderte.

Stephan-Andreas Casdorff

Ach, Martin. Gestorben mit 65. Der Herr hat sich einen Herren geholt.

Als wir uns kennenlernten, 1987 im Bonner Büro, war er schon der Große, „mes“, Martin E. Süskind, der Schreiber, der Denker, in der „Süddeutschen Zeitung“ beheimatet wie nur wenige. Selbst Helmut Kohl respektierte ihn. Las ihn. Und das will etwas heißen bei dessen Verhältnis zu Journalisten. Schon gar bei denen, die ihn kritisierten, die so gar nicht mit ihm übereinstimmten. Aber Kohl sagte: Wenn man über die SPD etwas wissen will, dann muss man Süskind lesen. Und das nicht nur, weil Martin Süskind bei Willy Brandt Redenschreiber gewesen war und Kohl Brandt bewunderte.

Sein Zimmer war winzig, aber mit zwei Computern ausgestattet. Nie wieder habe ich jemanden so schreiben sehen, Geschichten mit Verstrebungen, kunstvoll, als seien sie das Werk aus einem Faller-Baukasten. So habe ich es ihm damals gesagt, bewundernd, und die Antwort war dieses Lächeln. Das mit dem Grübchen im Kinn. Ein Lächeln, das – mit dem betont lässigen Gang, der ramponierten Eleganz seiner Schuhe, der unvermeidlichen Zigarette – zu einem coolen Appeal beitrug. Nur war er nicht massentauglich. Denn Martin war im Grunde scheu, konnte sein wie der Krebs unterm Stein. Das war übrigens sein Sternzeichen.

Er war ein Großer aus eigenem Recht, nicht wegen des Namens. Sein Vater war W. E. Süskind, hatte das „Wörterbuch des Unmenschen“ geschrieben und war Leitender Redakteur der „SZ“ gewesen, sein Bruder ist Patrick Süskind. Martin E. Süskind war ein brillanter Parlamentskorrespondent, ganz besonders als Leitartikler, und er wäre ein Chefredakteur für die „SZ“ gewesen, wie die sich ihn wünschte. Zurückgenommen in der Art, mit eigenem Kopf, politisch, auch im Koalieren, und ein Autor. Es hat nicht sollen sein, er wurde Chefredakteur woanders, auch in Berlin. Aber seine Heimat war die „SZ“. Der Ton seiner Artikel klang immer so. Auch im Tagesspiegel, der die Ehre hatte, ihn als Autor zu drucken.

Ach, Martin. E. steht übrigens für Erhard. Verzeih, dass ich das verrate. cas

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