Netzkolumne : Das Smartphone hält den Moment fest - und stranguliert ihn

Da stehen sie, auf dem Konzert des Jahres, aber statt den Moment zu genießen, halten sie ihn fest: Mit ihren Smartphones.

Falk Steiner
Foto: Mike Wolff
Foto: Mike Wolff

Ach, wie wunderbar sind sie doch: unsere kleinen, intelligenten Alltagsbegleiter, die wir immer noch Telefone nennen, auch wenn wir sie dazu inzwischen am wenigsten verwenden.

Sie können uns die Welt mit wenigen Klicks zugänglich machen. Und unser Leben, das, was uns interessiert, können wir auf diesem Weg jederzeit mit der Welt – oder zumindest jenen, die sich für uns interessieren und unsere Sprache sprechen – teilen, unsere Gefühle, Erlebnisse und Ansichten teilen. Sie haben alles, was wir dafür benötigen. Einen Internetzugang. Eine Tastatur. Ein Mikrofon. Und: eine Kamera.

Wohl niemals zuvor wurde so viel fotografiert wie in unserer Zeit. Niemals zuvor so umfangreich bildlich dokumentiert, was wir sehen. Bei Massenveranstaltungen wie Konzerten oder Fußballspielen ist die Zahl der in die Höhe gereckten Smartphones so hoch, dass man sich zuweilen fragt, warum die Menschen dorthin gegangen sind, wenn sie doch in erster Linie an der Statifizierung, am Festhalten des Moments, und nicht am Moment selbst interessiert scheinen.

Wie absurd ist es, wenn Menschen mit Handykameras Fotos von einer Begebenheit machen, und die Bilder hinterher vor allem einen Ameisenhaufen an Handyfotografen dokumentieren? Aber das scheint ein Zeichen unserer Zeit zu sein. Alles muss festgehalten werden, bis man den Moment selbst dokumentarisch erfolgreich stranguliert hat.

Mein Lieblingsitaliener backt hervorragende und überaus große Pizzen. Neue Gäste erkennt man daran, dass sie ihr Smartphone zücken, um den Moment der vor ihnen stehenden großen Aufgabe festzuhalten. Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich schmunzele. Denn ich weiß bereits: Dort gibt es keinen Empfang und schon gar kein W-Lan. Der Moment, er kann sich dieses eine Mal doch noch verflüchtigen, bevor er geteilt wird.

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