Neuer "Tatort" aus Münster : Mein lieber Schwan

Eine Wasserleiche im Irrenhaus: Der Münster-„Tatort“ wird völlig wahnsinnig. Und die Sonntagabendkrimis der ARD bekommen eine besondere Auszeichnung.

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Für keinen Ulk zu schade: Kommissar Thiel (Axel Prahl, links) und Professor Boerne (Jan Josef Liefers) kommen in diesem Fall nur langsam voran.
Für keinen Ulk zu schade: Kommissar Thiel (Axel Prahl, links) und Professor Boerne (Jan Josef Liefers) kommen in diesem Fall nur...Foto: WDR/Willi Weber

Ein Mann zieht einsam seine Schwimmbahnen, den Kopf immer hübsch über Wasser haltend. Als er fertig ist, verlässt er das Becken, trocknet sich ab und trifft beim Verlassen gerade noch auf die junge Frau, die sofort die auf dem Boden des Schwimmbeckens liegende weibliche Leiche sieht und einen Schrei ausstößt, wie man ihn sonst nur noch aus alten Edgar-Wallace-Filmen kennt. Willkommen im neuesten „Tatort“ aus Münster mit dem Titel „Schwanensee“. So heißt in dieser Episode ein Therapiezentrum für psychisch Kranke. Einer von ihnen ist Andreas Kullmann (Robert Gwisdek), ein Ex-Steuerfahnder und Autist. Deshalb hat er offenbar beim Schwimmen die Wasserleiche übersehen. Für Kriminalkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und seine Kollegin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) werden die Ermittlungen aber vor allem deshalb zum Problem, weil es offenbar keine Frau mit dem Namen Mona Lux gibt.

Seit 13 Jahren im Einsatz: Kommissar Thiel und Rechtsmediziner Boerne

Das Erstaunliche am „Tatort“ aus Münster ist seit der ersten Episode vor nunmehr 13 Jahren, dass trotz allen Klamauks doch immer auch ein Fall verhandelt wurde, der eines Krimis würdig war. Mit einigen Abstrichen gilt das auch dieses Mal, auch wenn es zumindest in der ersten Hälfte so scheint, als seien nun endgültig alle dem Wahnsinn anheimgefallen. Dabei legt der Leiter des Therapiezentrums Professor Weimar (Hanns Jörg Krumpholz) großen Wert darauf, dass die Kranken keine Patienten, sondern Besucher sind. Und natürlich ist Schwanensee keine Klinik und schon gar keine Klapse oder gar ein Irrenhaus – auch wenn ein stets korrekt gekleideter Mann seine Mitmenschen ausschließlich in „Wichser“ und „Nutten“ unterteilt.

Den Patienten, sorry: Besuchern, kann man dies vielleicht noch nachsehen, aber zumindest Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und der bekanntermaßen versnobte Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) sollten angesichts dieser Ausgangslage das Kontrastprogramm dazu bilden. Weit gefehlt: Thiel steigt mies gelaunt ein und steigert sich zum cholerischen Schreihals. Der Rechtsmediziner Boerne kann es hingegen in völliger Selbstüberschätzung nicht ertragen, dass er Thiel den Fall wegen eines lange geplanten Tauchurlaubs allein überlassen muss, und stürzt sich darum statt in die Fluten lieber in eigene Ermittlungsarbeit – als Aushilfstherapeut im Haus Schwanensee. Immerhin erfreut die Kamera von Gunnar Fuss den Zuschauer mit interessanten Architekturansichten.

Das Buch zu „Schwanensee“ stammt von Christoph Silber und Thorsten Wettcke – die bereits beim Münsteraner „Tatort: Zwischen den Ohren“ zusammengearbeitet hatten. Für André Erkau, der bei „Schwanensee“ sowohl am Buch beteiligt war als auch Regie führte, war es hingegen der erste „Tatort“ aus der westfälischen Provinz. Vor einem Jahr hatte er allerdings bereits bei einem anderen WDR-„Tatort“ – der Folge „Wahre Liebe“ aus Köln – Regie geführt.

"Tatort" Schwanensee: Weder Tiefpunkt, noch Highlight

Die „Schwanensee“-Folge ist weit entfernt vom Tiefpunkt aus Münster. Pupsende Kühe wie in der Episode „Das Wunder von Wolbeck“ werden den Zuschauern erspart. Einen bleibenden Eindruck wird die neue Folge jedoch auch nicht hinterlassen. Was allerdings vermutlich nichts daran ändert, dass auch dieser Klamauk-„Tatort“ mit Prahl, Liefers und dem übrigen Ensemble mit Mechthild Großmann und Claus D. Clausnitzer wieder weit über zehn Millionen Zuschauer anziehen wird.

Ob nun wegen der Erfolge oder trotz der mitunter abstrusen Darstellung der polizeilichen Ermittlungsarbeit: Selbst die Fachleute ziehen den Hut vor den ARD-Sonntagskrimis. Am Freitag hat der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) die beiden Krimireihen „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ mit dem „Bul le mérite“ ausgezeichnet. In der Begründung der BDK-Jury heißt es: „,Tatort‘ und ‚Polizeiruf 110‘ verstehen es seit Jahrzehnten, trotz der notwendigen künstlerischen und dramaturgischen Freiheit, die Arbeit der Kriminalpolizei in die deutschen Wohnzimmer zu befördern, so die Problemfelder der Kriminalitätsbekämpfung zu thematisieren und damit auch das spezielle Berufsbild der Kriminalpolizei zu fördern.“ Und auch in der Folge „Schwanensee“ führt am Ende akribische Polizeiarbeit zum Erfolg.

„Tatort: Schwanensee“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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