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News : Mit zweierlei Maß

21.09.2011 17:05 Uhrvon
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Foto: dpa - Foto: dpa

Erstaunlicher Wechsel beim Nachrichtenkanal Al Dschasira: Journalist geht, Scheich kommt.

Für die Mitarbeiter von Al Dschasira war die Twitter-Nachricht wie ein Paukenschlag. „Acht Jahre an der Spitze sind eine lange Zeit“, textete ihnen Senderchef Wadah Khanfar und plädierte für „Wandel und Erneuerung“. Über die Gründe für seinen plötzlichen Abgang allerdings schwieg er sich aus, die dazu kursierenden Gerüchte nannte er „sehr unterhaltsam“. Doch bereits die Nachfolgeregelung spricht für sich. Der Emir von Katar will den von ihm finanzierten Sender künftig offenbar stärker kontrollieren können. Dazu beförderte er nun erstmals ein Mitglied der Herrscherfamilie auf den Chefsessel, Scheich Ahmad bin Jasem bin Muhammad Al-Thani, bislang unbekannter Manager bei dem Energieunternehmen Qatargas.

Vorgänger Wadah Khanfar war gelernter Journalist. Vor seinem Aufstieg in die Vorstandsetage in Doha arbeitete er als Bürochef in Kabul und in Bagdad. Von 2003 an leitete der gebürtige Palästinenser die Geschicke des Medienunternehmens als geschäftsführender Direktor, von 2006 an als Generaldirektor. Unter seiner Regie wurde der 1996 gegründete rein arabische Nachrichtenkanal stark erweitert – um das englischsprachige „Al Dschasira International“ und um Sport- und Dokumentarprogramme.

Zuletzt war Khanfar auch intern in die Kritik geraten, nachdem Wikileaks einige geheime Konzessionen an die USA bei der Irak-Berichterstattung enthüllt hatte. Nach Darstellung der diplomatischen Protokolle versuchte der amerikanische Verteidigungsnachrichtendienst (DIA) im Jahre 2005 mehrfach, direkten Einfluss auf den Sender zu nehmen – und zwar mit Rückendeckung der Regierung Katars. Zwar widersprach Al-Dschasira-Chef Khanfar nach einem Bericht der „New York Times“ dem Vorwurf der US-Emissäre, sein Sender schüre antiamerikanische Ressentiments. In mindestens einem Fall erklärte er sich jedoch bereit, vom DIA beanstandete Fotos über eine amerikanische Militäraktion in Tal Afar von der Website zu entfernen – zwei verletzte Kinder und eine Frau mit entstelltem Gesicht.

Aber auch unter den Potentaten des Golf-Kooperationsrates wachsen die Aversionen gegenüber Al Dschasira. Die Emire und Monarchen auf der Arabischen Halbinsel wissen, dass es in ihren Bevölkerungen gärt und nach dem Sturz Gaddafis sowie dem möglichen Fall von Syriens Präsident Assad der Aufruhr auch vor ihrer Haustüre nicht Halt macht. Schon jetzt hält sich Al Dschasira bei der Berichterstattung über die blutige Unterdrückung in Bahrain, einem direkten Nachbarn von Katar, auffallend zurück. Das hat seinen Programmplanern den Vorwurf eingetragen, sie arbeiteten mit zweierlei Maß – eine Tendenz, die sich unter dem künftigen Chef verschärfen dürfte.

Bei den Revolutionen in Tunesien und Ägypten dagegen spielte Al Dschasira eine hochaktive Rolle, gab den Demonstranten sogar „ein gewisses Momentum”, wie Ex-Generaldirektor Wadah Khanfar stolz erklärte. Auch in Syrien und Jemen mischt sich der Sender offensiv ein. In Libyen wirkte er wie ein Instrument katarischer Außenpolitik. Al-Dschasira-Reporter begleiteten die Rebellen beim Vormarsch durchs Land, während Katars Herrscher mit Geld, Waffen und Treibstoff dem Provisorischen Nationalrat mit an die Macht verhalfen.Martin Gehlen

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