Medien : Nilpferd abgetaucht

Wie Leser mit und ohne Warnung in den April geschickt wurden

Bernd Matthies

Alle Dinge haben ihre Zeit. Aus der Spaßgesellschaft ist die Comedy-Gesellschaft geworden, eine grelle Zeitgeist-Veranstaltung, in der nur noch jener als komisch auffällt, der den Leuten mit dem Hintern ins Gesicht springt. Das ist nicht gut für den traditionellen Aprilscherz, der seine Wirkung ja aus der Unsicherheit bezieht und nur dann als gelungen gilt, wenn ein messbarer Anteil der Opfer ihn als Wahrheit akzeptiert. Doch trotz dieser deutlichen Krise warten immer noch alle gespannt auf den 1.4., und von einer ordentlichen Zeitung können wir deshalb erwarten, dass sie irgendwas mit dem Thema macht – ihre Leser aber auf keinen Fall überfordern wird. Deshalb ist es konsequent, dass die „BZ“ gestern den Aprilscherz mit Ansage einführte: „Nilpferd-Baby in Spree abgetaucht – und noch mehr unglaubliche Geschichten zum 1.April.“ Absolut reinfallsicher – aber ist sowas noch ein Aprilscherz? Mit Tieren vergnügt sich auch die „Berliner Zeitung“, die der Panda-Bärin im Zoo eine Schwangerschaft anhängt. Beweis: Erheblich erhöhter Progesteron-Spiegel. Richtig spaßig wird das freilich erst, wenn Yan Yan nun demnächst wirklich guter Hoffnung wäre. Ob es dann heißt: „Wie die Berliner Zeitung bereits berichtete…“?

Schwere Scherzkost serviert die „taz“, die ihr Aprilsüppchen mit ein wenig Holocaust würzt und verkündet, der Architekt Peter Eisenman werde eine Honorarprofessur am Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung annehmen und sich dabei besonders um die „Kultur des jüdischen Witzes und seine Rezeption in Deutschland“ bemühen. Auch Lea Rosh, so lesen wir weiter, habe sich Chancen auf die Professur ausgerechnet und sei nun sauer auf den Chef des Zentrums.

Politische Sensationen finden Aprilforscher im „Berliner Kurier“, der sich mit Mielkes rotem Koffer befasst und mitteilt, darin befänden sich allerhand Akten über Honeckers Liebesleben. Der Staatsratsvorsitzende – ein Womanizer von Graden? Die Belege fallen allerdings aprilhaft dünn aus. „Die Welt“ sorgt sich ganz offen um ihre Leser, zweifelt, ob man denen einen Aprilscherz überhaupt noch zumuten könne – und mutet ihnen dann lieber keinen zu.

Die Untersuchung der „Zeit“ vom 1.April dauerte bei Redaktionsschluss noch an; immerhin drei Beiträge aus der Feder von Josef Joffe – ein neuer Rekord – zogen die Aufmerksamkeit an. Rein rechnerisch muss darunter ein Aprilscherz sein. Vielleicht dieser Aufruf zur Gewalt? „Wer dem Wahlvolk die Wahrheit und die Schmerzen nur dosiert zuteilt, kriegt selber Prügel.“ Da schreit das gequälte Wahlvolk nach mehr, und das bekommt es im Tagesspiegel in Gestalt der Notopfer-Briefmarke fürs Tempodrom. Nein, auch das nur so eine Idee aus gegebenem Anlass…

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