Noch mehr Schmerz, noch mehr Herz : Singen und Tanzen

Mit „Hand aufs Herz“ platziert Sat 1 nach langer Zeit eine Soap im Schulumfeld. Die Vorgänger-Soap "Eine wie keine" spielte im Hotelmilieu und war erfolglos

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Bianca, Hanna, Alisa, Lena – ein Blick in die jüngere Titel-Geschichte der deutschen Telenovelas und Daily Soaps liest sich wie ein Ranking der beliebtesten weiblichen Vornamen in Deutschland. Da fügt sich dann auch die 28-jährige Bea recht gut ein, Bea Vogel, die Protagonistin einer neuen Daily Soap auf Sat 1. „Hand aufs Herz“ nimmt am Montag um 18 Uhr den Platz ein von „Eine wie keine“, jener ambitionierten, aber quotenschwachen Soap aus dem Hotelmilieu, die vor ein paar Wochen vom Bildschirm verschwand.

Back to the Roots könnte man meinen, für Sat 1 soll es nun eine Soap im Schulmilieu richten. Nach Ansicht der „Hand aufs Herz“-Trailer lässt sich immerhin sagen, dass mit Geschichten um eine Münchner Lehrerin, die an ihre ehemalige Schule in Köln zurückkehrt, um dort gegen Widerstände eine Musik-AG zu etablieren – „für ihre Ideale zu kämpfen“, wie es in der Ankündigung des Senders heißt – nicht viel verkehrt zu machen ist, zumal auch noch zwei Männer um Beas Herz konkurrieren.

Zickenkrieg, Intrigen, große Gefühle, klischeeartig inszeniert – die Ingredienzen einer auf den allgemeinen Publikumsgeschmack zielenden Soap/Telenovela lassen sich abseits der Schablone „filmgewordener Liebesroman“ beliebig variieren. Man fragt sich allerdings, warum nach dem Wahnsinnserfolg von „Unser Lehrer Doktor Specht“ in den 1990er Jahren aktuell nicht mehr Schulserien im deutschen Fernsehen laufen.

Den Specht hat Produzent Christian Popp ein paar Mal gesehen, vor allem aber für „Hand aufs Herz“ einige der positiven Erfahrungen mitnehmen können, die der Geschäftsführer von „Producers at Work“ bei „Anna und die Liebe“ gemacht hat. Mit rund 12,5 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen ist „Audl“ eine der wenigen Soap-Erfolgsgeschichten der letzten Jahre. Es sei, sagt Popp, im gesättigten deutschen Markt eine wirkliche Mammutherausforderung, eine neue tägliche Serie zu etablieren.

Diese Erfahrung macht auch das ZDF, dessen neue Nachmittags-Telenovela „Lena – Liebe meines Lebens“ Mitte September schwer aus den Startlöchern kam. Vom Ende der Ära Telenovela, die 2004 in Deutschland mit „Bianca – Wege zum Glück“ begann, möchte dennoch niemand sprechen. Und Daily Soaps wie Marktführer „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ (RTL), die im Unterschied zur Telenovela keine abgeschlossene Geschichte erzählen, laufen insgesamt weiter gut. Die Stamm-Zuschauerzahl für die tägliche Dosis Herzschmerz wird auf 15 bis 20 Millionen Fans geschätzt, ein Verdrängungswettbewerb allemal.

Die Grundfrage der Produzenten bei täglichen Serien, sagt Popp, sei immer: „Wie erfülle ich die Erwartungen des Zuschauers, der seine eigenen Vorstellungen hat von dem, was er bei einer Daily an Gefühlswelten, Figuren und Projektionsflächen erleben möchte? Und auf der anderen Seite: Wo breche ich dann seine Erwartung, um überraschend zu sein?“ Überraschend ist bei „Hand aufs Herz“ neben der Tatsache, dass offenbar in jeder Folge gesungen und getanzt wird, zumindest die Produktionsweise. Gedreht wird nicht in einem Studio, beispielsweise in Potsdam-Babelsberg, sondern erstmals „on location“ in einer umgebauten NVA-Kaserne in Strausberg vor den Toren Berlins. „Wir wollten in der Anmutung realistischer, authentischer werden“, sagt Popp. Sechs Folgen die Woche müssen vom Daily-Team allerdings auch dort absolviert werden.

Fließbandarbeit. Derlei Stress ist Hauptdarstellerin Vanessa Jung gewohnt. Die 30-jährige Schauspielerin gehörte für drei Jahre zum Ensemble der ARD-Vorabend-Soap „Verbotene Liebe“ (VL) und mischt nun neben Ex-„VL“-Darsteller Andreas Jancke und Ex-„GZSZ“-Star Oliver Petszokat beim bodenständigen Genre-Ableger „Hand aufs Herz“ mit. Nicht nur für die Sender, gerade für die Schauspieler gilt ja öfter die Frage: Einmal Serie, immer Serie? Jeanette Biedermann beispielsweise, die im Januar „Anna und die Liebe“ verließ, kehrt zur Sat-1Schmonzette zurück. Karrierefalle Seifenoper – davon möchte Vanessa Jung nichts wissen. Ihre Überzeugung sei es, alles machen zu können, solange ihr persönlicher Anspruch als Schauspielerin immer gleich hoch ist, „ob Serie oder Film, von denen ich ja schon ein paar gemacht habe“.

Für den Deutschen Fernsehpreis wird es mit der neuen musikalischen Soap allerdings noch nicht reichen. „Hand aufs Herz“ fehlte unter den nominierten zwölf täglichen Serien und fehlt bei den aktuellen Top 3, die sich beim Fernsehpreis einem Publikumsvoting (www.meine-lieblingssendung.de) stellen: „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ (RTL), „Anna und die Liebe“ (Sat 1), „Sturm der Liebe“ (ARD).

„Hand aufs Herz“, Sat 1, 18 Uhr

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