Medien : Noch sechs Mal

Abschied von „Harald Schmidt“

Ursula Weidenfeld

Das Leiden des Feuilletons

Kann mal bitte jemand den Jammer- Knopf ausknipsen? Gut. Harald Schmidt hört auf, bei Sat 1. Das ist schade. Wirklich. Aber ist deshalb Gott wirklich tot? Verschwindet das Lachen für immer vom Kontinent? Verlassen Geist und Witz gemeinschaftlich den Planeten? Weicht die Intelligenz aus der Atmosphäre? Der große Kummer des gesamten deutschen Feuilletons legt genau das nahe: Es ist, als ob Harald Schmidt, der Schutzpatron der käsigen und behornbrillten Schöngeister und Schönschreiber, das Land durch seinen Abgang in ein tiefes, ödes Loch stößt. Vielleicht ist da sogar was dran.

Wahrscheinlicher aber ist, dass die schachtelige und verwitzte Welt, die die Kulturszene bei Harald Schmidt findet, in Wahrheit schon lange nicht mehr existiert. Sie ist mit dem letzten Jahrhundert zu Ende gegangen und wurde allabendlich in der „Harald Schmidt Show“ wieder zum Leben erweckt – zur Erbauung derer, die in den 90er Jahren zu schnell erwachsen wurden, um sie genießen zu können. Die Trauer des Feuilletons ist nett, aber sie ist langweilig und retro. Denn der Harald-Schmidt- Fan um die dreißig bis um die vierzig beschäftigt sich damit, darüber zu grinsen, wie andere, die auch keinen Spaß haben, böse Scherze machen. Das Vergnügen könnten sie auch im richtigen Leben haben. Wenn sie mal selbst aus sich rausgingen. Und witzig würden. Geistreich. Intelligent. Ganz alleine. Ohne einen, der ihnen spätabends das Gefühl abnimmt, den ganzen Tag nichts erlebt zu haben, wovon es sich am nächsten Tag zu erzählen lohnt. Schmidt hört auf. Das ist schade. Aber schlichte Gemüter können sich mit einer Hoffnung trösten: Vielleicht wird ja nun das Feuilleton besser.

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