Medien : Ohne Halt

Götz George überzeugt in „Mein Vater“ als Alzheimer-Kranker

Thomas Gehringer

Richard Esser, 62 Jahre alt, Vollbart, tadellos gescheiteltes Haar, ist Busfahrer. Aber einer, der schon mal die eine oder andere Haltestelle vergisst. Deshalb wird Richard Esser entlassen. Nun steht er mitten auf einem großen Parkplatz mit seinen Entlassungspapieren, allein, um ihn herum grauer Asphalt und große Leere. Da ist nichts mehr, woran er sich festhalten könnte.

Regisseur Andreas Kleinert hat gleich zu Beginn seines Film „Mein Vater“ (ARD, 20 Uhr 15) ein überzeugendes Bild gefunden für die Krankheit, von der dieser außergewöhnliche Fernsehfilm erzählt: Alzheimer. Die Leere beginnt sich in Richard Essers Kopf auszubreiten. Was mit harmlosen Erinnerungslücken beginnt, endet in totaler Hilflosigkeit. In Panik irrt er durch die Straßen, weil er sein Zuhause nicht mehr findet. Im Spiegel erkennt er sich selbst nicht mehr. Die Familie seines Sohnes, die ihn aufnimmt, droht an seiner wachsenden Pflegebedürftigkeit zu zerbrechen. Richard Esser ist nur eine Filmfigur, doch in Deutschland leiden etwa 1,2 Millionen Menschen an dieser tückischen, unheilbaren Nervenkrankheit.

Götz George beweist in der Rolle des Richard Esser, den er so anrührend, so exzellent darstellt, erneut seine große Schauspielklasse. Dass hier ein 64-Jähriger, der noch vor wenigen Wochen als Schimanski über die Bildschirme turnte, offenbar „auf alt“ geschminkt werden musste, um einen äußerlich gesunden 62-Jährigen zu spielen, ist erstaunlich genug, aber nur bei oberflächlicher Betrachtung. Georges Verwandlung in einen Alzheimer-Kranken ist so glaubwürdig, weil er mit den vielen verschiedenen Rollen, die sich dahinter verbergen, mühelos jongliert: Er ist störrischer Alter, liebesbedürftiger Kranker, schlagfertiger Schelm, hilfloses Kind, bedrohlicher Wahnsinniger – alles in einer Person. Er ringt der wachsenden Tristesse auch komische Momente ab, ohne ins Geschmacklose abzugleiten. Dass Autor Karl-Heinz Käfer und Regisseur Kleinert dem Publikum in diesem schonungslosen Film ab und zu ein befreiendes Lachen gönnen, tut ganz gut. Warum er denn die Zeitungen im Kühlschrank aufbewahre, wird Richard Esser von seinem Sohn gefragt. „Dann bleiben die Nachrichten doch frischer“, antwortet der Vater ungerührt. Komik und Tragik miteinander zu verbinden, ist eine Gratwanderung, bei der man leicht abstürzen kann. Die Protagonisten dieses Films hatten einen sicheren Tritt.

Vor allem aber erzählt „Mein Vater“ ein Familiendrama, wie es sich angesichts des wachsenden Anteils älterer Menschen an der Bevölkerung wohl immer häufiger abspielt: Richard Essers Sohn Jochen, ein Stahlarbeiter, und seine Frau Anja (ebenfalls ausgezeichnet: Klaus J. Behrendt und Ulrike Krumbiegel) haben gerade ein Haus gebaut. „Ich möchte mit diesem Menschen nie wieder unter einem Dach wohnen“, sagt Jochen, der sich von seinem Vater immer abgelehnt fühlte. Und doch bringt er es nicht übers Herz, den kranken Richard einem Pflegeheim zu überlassen.

Letztlich stehe der Film auch dafür, „viel aushalten, viel auf sich nehmen zu können, ohne sofort die Flinte ins Korn zu werfen – wenn man wirklich liebt“, sagt der 40-jährige Kleinert, der zuletzt das Polit-Liebesdrama um Petra Kelly und Gert Bastian („Geschichte einer Hoffnung“) inszeniert hatte. Aber allzu ermutigend wirkt das Schicksal der Familie Esser sicherlich nicht, dazu nimmt der Film das Elend, das eine Krankheit wie Alzheimer in der Realität auslöst, zu ernst.

Am Ende scheint Jochen akzeptiert zu haben, dass er sich von seinem Vater verabschieden muss. Kleinert hofft, damit „vielleicht auch“ eine Diskussion über Sterbehilfe anzuregen: „Ein Thema, das meiner Meinung nach völlig zu Unrecht in unserer Gesellschaft tabuisiert wird.“ Der offene Schluss dieses großartigen Films gibt das jedoch eigentlich nicht her.

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