Olympia : Peking-Ente, süß und sauer

Tibet tabu, was wird bei Olympia? Chinas zweischneidiger Umgang mit Medien.

Benedikt Voigt[Peking]

Bald nachdem der Journalist Georg Blume in Tibet eingetroffen war, kamen auch die Sicherheitskräfte in sein Hotel. „Ich habe jeden Tag Besuch bekommen“, sagt der China-Korrespondent der „Zeit“. Jedes Mal forderten sie ihn auf, Lhasa zu verlassen, unter anderem weil er am Tag nach den Ausschreitungen am 14. März ohne offizielles Visum für Tibet eingereist war. Doch Blume blieb. Am sechsten Tag drohten ihm die örtlichen Behörden massiver. „Sie sagten, wenn ich nicht ginge, bekäme ich große Schwierigkeiten“, erzählt er, „sie sprachen auch von Problemen für mein China-Visum.“ Georg Blume begriff das als Drohung, ihn aus dem Land auszuweisen. Schließlich verließ er Lhasa gemeinsam mit zwei Kollegen. Sie waren die letzten ausländischen Journalisten in Tibet.

„Die Arbeitsbedingungen für Journalisten in China sind im Moment eine große Enttäuschung“, sagt Jocelyn Ford von der Vereinigung der ausländischen Korrespondenten in China (FCCC), „sie dürfen nicht dahin gehen, wo es für sie beruflich interessant ist.“ Ihrer Vereinigung sind in den letzten Tagen mehr als 40 Fälle aus Tibet und den angrenzenden chinesischen Provinzen Sichuan und Gansu bekannt geworden, bei denen ausländische Journalisten an der Berichterstattung gehindert worden sind. Für Tibet erhalten Journalisten kein Visum mehr. „Der Grund dafür ist nicht klar“, sagt Jocelyn Ford. Das staatliche Fernsehen CCTV 9 sprach von Sicherheitsgründen, doch das wundert die Beauftragte für Pressefreiheit beim FCCC. „Die chinesische Regierung erklärt, dass die Lage in Tibet friedlich ist“, sagt Ford, „das ergibt keinen Sinn.“

Die jüngsten Einschränkungen widersprechen auch den seit Januar 2007 geltenden neuen Bestimmungen für Journalisten anlässlich der Olympischen Spiele im August in Peking. Demnach dürfen sich ausländische Journalisten frei in China bewegen und müssen nicht mehr wie zuvor bei den örtlichen Behörden eine Genehmigung einholen. „Diese Regelung ist ein großer Fortschritt, ich möchte nicht mehr in die Zeit davor zurückkehren“, sagt Jocelyn Ford. Allerdings registrierte der FCCC 180 Verstöße gegen die neuen Regeln. Die jüngsten Behinderungen der journalistischen Arbeit haben aber noch eine neue Qualität. „Die Vorfälle scheinen von einer zentralen Regierungsebene gelenkt worden zu sein“, sagt Jocelyn Ford.

Bei der Bewerbung um die Olympischen Spiele 2001 hatte das Pekinger Organisationskomitee den Journalisten neue Freiheiten zugesichert. Wang Wei, Generalsekretär des Organisationskomitees, erklärte: „Wir werden den Medien vollkommene Freiheit der Berichterstattung gewährleisten, wenn sie nach China kommen.“ Eine Umfrage unter den ausländischen Korrespondenten in China ergab jedoch, dass 67 Prozent dieses Versprechen noch nicht erfüllt sehen.

Wie Bocog mit unliebsamen Themen umgeht, ließ sich am Donnerstag gut beobachten, als eine Pressekonferenz zum von Protesten bedrohten Fackellauf anberaumt war. Auf eine Stunde angesetzt, dauerten die allgemeinen Ausführungen und Antworten auf die Fragen so lange, dass schließlich nur fünf Journalisten Fragen stellen konnte. Die chinesische Regierung hat immerhin zugesichert, dass die 20 500 akkreditierten Journalisten während der Spiele ungehinderten Zugang zum Internet haben werden. Ob die in China sonst übliche Zensur im ganzen Land ausgesetzt werden wird oder nur in einzelnen Pekinger Hotels und dem olympischen Medienzentrum, ist noch völlig unklar. Nach den Ausschreitungen in Tibet verschärfte China die Zensur sogar. „Es war unmöglich, auf einige ausländische Webseiten zu kommen, einige E-Mails konnte ich tagelang nicht öffnen“, sagt Jocelyn Ford.

Mit einer Verspätung von fast einer Woche berichten nun auch Chinas staatlich zensierte Medien ausführlich über die Ereignisse in Tibet. Dabei zeigte das Fernsehen CCTV zahlreiche Bilder, welche die offizielle chinesische Version der Ereignisse stützen: Aggressive tibetische Randalierer, die Geschäfte plündern und anzünden; verletzte und geschockte chinesische Bewohner; buddhistische Mönche, die gewaltsam chinesische Sicherheitskräfte attackieren sowie zurückhaltende Militärpolizisten, die chinesische Verletzte retten. Gleichzeitig beschuldigt die staatliche Zeitung „China Daily“ zahlreiche westliche Medien falsch zu berichten. Untermauert wird das durch die Abbildung einiger westlicher Webseiten, auf denen Fotos von Demonstrationen in Nepal fälschlicherweise nach Tibet verortet wurden oder ein Bildausschnitt gewählt wurde, der verschweigt, dass Militärfahrzeuge mit Steinen beworfen wurden.

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