Olympia : US-Einschaltquoten im Keller

Die Washingtoner Sportkneipe "Chadwicks" ist gerammelt voll, wie immer an den Wochenendabenden. Alle Fernseher laufen, Golf und Poker kann man sehen - aber nichts von den Olympischen Winterspielen aus Turin.

Washington - Bartender John erklärt: «Das schalten wir nicht ein, da guckt doch sowieso keiner hin.»

Ganz so schlimm ist es nicht, aber schlimm genug für NBC Universal, die den Amerikanern auf sechs Kanälen insgesamt 418 Stunden Berichterstattung aus Turin anbietet - teilweise tagsüber live, aber die wichtigsten Entscheidungen abends aus der Konserve. Die Bilanz nach der ersten Woche war für die drittgrößte US- Fernsehgesellschaft mehr als ernüchternd. Sechs Stunden Zeitunterschied, ein Mangel an «Star Power» im US-Team und enttäuschte Medaillenhoffnungen haben die Einschaltquoten in den Keller sinken lassen.

«Es müssen Helden her», formulierte es denn auch die «Los Angeles Times» - oder Stürze wie beim Eistanz-Originalprogramm am Sonntag. Nun könne NBC ja wieder Hoffnung schöpfen, sagte eine CNN-Moderatorin spöttisch über das Unternehmen, das 613 Millionen Dollar für die Übertragungsrechte hingeblättert und 900 Millionen von Werbekunden eingestrichen hat.

Tatsächlich entschieden sich in den ersten sieben Tagen der Turiner Spiele zur abendlichen Hauptsendezeit im Schnitte nur 12,4 Prozent der Haushalte für olympische Kost, über 30 Prozent weniger als im Vergleichszeitraum vor vier Jahren im heimischen Salt Lake City und 20 Prozent weniger als 1998 in Nagano. Peinlich für NBC: Eine Talentshow und eine Seifenoper der Konkurrenz lockten in der vergangenen Woche jeweils bis zu 12 Millionen mehr Menschen vor den Bildschirm als die Berichterstattung aus Turin.

Nur selten zuvor hat es in den USA bei Olympischen Spielen derart niedrige Einschaltquoten gegeben. Sinken sie durchschnittlich unter die 12-Prozent-Marke, dann müsste NBC ihren Werbekunden zur Entschädigung kostenlos oder zu stark ermäßigten Preisen Zeit für TV-Spots während anderer Sendungen zur Verfügung stellen. Aber es geht um weitaus mehr. NBC hat sich für 5,7 Milliarden Dollar die Olympia- Übertragungsrechte von 2000 bis 2012 gesichert und ist dringend auf den Verkauf von Werbezeit bei den nächsten Spielen in Peking (Sommer/2008), Vancouver (Winter/2010) und London (Sommer/2012) angewiesen. Die derzeit niedrigen Einschaltquoten wirken abschreckend wirken.

Nachdem das alpine As Bode Miller gleich in Serie floppte und die Eishockey-Cracks hinter den Erwartungen blieben, konzentrierten sich die Hoffnungen bei NBC auf den Eiskunstlauf der Damen. Das ist ein traditioneller US-Fernsehrenner, vor allem beliebt bei Frauen. Und die weiblichen Fans sind es, auf die man bei NBC nun baut, nachdem die neuen Snowboard-Disziplinen trotz kräftiger Werbung in den USA den jungen Leute nicht vor den Fernseher lockten.

Bei seiner abendlichen Berichterstattung stellt NBC die Geduld seiner Zuschauer auch auf eine harte Probe. Zu sehen sind nie komplette Wettbewerbe. Die Berichterstattung erfolgt in Teilen, um angeblich die Spannung zu erhöhen: Erst gibt es ein bisschen Eiskunstlauf, dann ein wenig Abfahrtsrennen und Shorttrack, dann wieder Pirouetten und Rittberger.

Am Ende hat der Zuschauer vergessen, was er am Anfang gesehen hat. Zudem wird auch noch mehr denn je Werbung gezeigt. Von vier Stunden Olympia am Abend entfallen im Schnitt 71 Minuten auf Spots - am Ende der Sendezeit gibt es noch Werbung für eines Schlafmittel. Diesen Clip bekommen viele Zuschauer nicht mehr mit: Sie waren, wie sie in Umfragen einräumten, auch ohne Pille eingeschlafen. (Von Gabriele Chwallek, dpa)

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