"Opium fürs Volk" : Finger weg von Bibel und Fernseher!

Unser Kolumnist Matthias Kalle ist verblüfft. In deutschen Haushalten darf fast alles gepfändet werden, der Fernseher und die Bibel aber nicht. Gibt es da einen Zusammenhang?

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Gepfändet werden, darf in Deutschland fast alles. Kleine Ausnahmen: Der Fernseher und die Bibel.
Gepfändet werden, darf in Deutschland fast alles. Kleine Ausnahme, neben der Bibel: Der Fernseher.Foto: dpa/Caroline Seidel

Angeblich gehört der Fernseher zu den Dingen, die in Deutschland nicht gepfändet werden dürfen, neben der Bibel, dem Gebiss, dem Grabstein, dem Hund und noch einigen anderen Dingen. Als ich das erfuhr, war ich dann doch einigermaßen verblüfft. Bibel und Fernseher. Fast alles kann man dem Deutschen wegnehmen – aber Finger weg von Bibel und Fernseher!

Nicht ohne meinen Fernseher

Ich habe keine Zahlen darüber gefunden, in wie vielen deutschen Haushalten es eine Bibel gibt. Aber die Ausstattung mit einem Fernseher ist beinahe flächendeckend: In Deutschland besitzen (Stand 2004) 95 Prozent der Haushalte mindestens ein Fernsehgerät, 28 Prozent der Haushalte zwei Fernseher und elf Prozent sogar mehr als zwei. Frage: Werden, wenn man im Besitz von drei Fernsehern ist, nur zwei gepfändet – oder darf man alle behalten? Die Unpfändbarkeit des Fernsehers ist möglicherweise ein Indiz dafür, dass diejenigen, die seit Jahren vom Tod des Fernsehens sprechen, falsch liegen. Zum einen, weil man anscheinend davon ausgeht, dass der Besitz eines Fernsehers so eine Art Grundrecht darstellt – ohne Fernseher wäre das Leben sinnlos, oder aber: Ein Fernseher stiftet möglicherweise diesen Sinn erst. Das würde wohl auch für die Bibel gelten. Man kann natürlich auch ganz anders argumentieren, Stichwort „Opium fürs Volk“. So eine Bibel ist ja letztendlich auch eine Art Gebrauchsanleitung für die christliche Religion, und einige Kritiker werfen der ja schon seit über hundert Jahren vor, sie würde die Menschen lahm und langsam und satt machen. Wenn man dem Fernsehen Böses wollen würde, könnte man das über dieses Gerät und die Inhalte, die es transportiert, auch behaupten. Anders ausgedrückt: Wir nehmen euch alles weg, was nicht niet- und nagelfest ist, lassen euch aber Bibel und Fernsehen, damit ihr nicht aufbegehrt ob dieser Ungerechtigkeit.

Der Deutsche will Fernsehen

Zugegeben: Das ist ein sehr pessimistisches Menschenbild, was von einer gewissen Unmündigkeit ausgeht. Geht man vom mündigen Bürger aus und schaut sich die Zahlen an, wird man den Verdacht nicht los: Der Deutsche will schlichtweg Fernsehen – und eigentlich will er das jeden Tag auch immer länger tun. Seit der flächendeckenden Einführung des Empfangsgerätes hat sich der Fernsehkonsum stetig erhöht – im Jahr 2011 schaute im Schnitt jeder Bundesbürger 225 Minuten fern – 19 Jahre zuvor waren es nur 158 Minuten. War das Fernsehprogramm 1992 weniger attraktiv als 2011?
95 Prozent der deutschen Haushalte haben also mindestens einen unpfändbaren Fernseher. Wenn die Zahl stimmt, dann steht in fünf Prozent der deutschen Haushalte also kein Fernsehgerät. Und das, glaube ich, sind die Haushalte, die im „Tagesspiegel“ die Medienkritiken von meinen Kollegen und mir lesen und dazu dann Kommentare schreiben. Denn viele Kommentare unter einer Medienkritik beginnen mit den Worten: „Also ich habe ja gar keinen Fernseher, aber...“.

Selbst wenn man also keinen Fernseher hat, lässt einen das Fernsehen nicht los. Ich habe noch nie unter einer Buchkritik den Kommentar gelesen: „Also ich habe ja gar keine Bücher, aber was Sie da schreiben, das kann man so nicht stehen lassen.“ Aber das ist wahrscheinlich gelogen. Eine Bibel scheint ja fast jeder zu haben. Unpfändbar.

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