Panini-Album : Kleben am Rand des Wahnsinns

Das Panini-Album zur Fußball-EM ist erschienen. Seit dem Start im Jahr 1961 wurden weltweit 20 Milliarden Bildchen verkauft.

Christian Tretbar

Davon versteht das Internet nichts. Die rot-weiße Tüte aufreißen, alle fünf Sticker, die meistens noch etwas am Papier haften, aus der Verpackung ziehen und hoffen, dass nicht wieder so viele Spieler dabei sind, die längst im Album kleben. Kaufen, auspacken, einkleben – das Panini-Fußballbild ist ein greifbares Erlebnis, das durch keine Online-Plattform ersetzt werden kann. Seit dieser Woche sind die Sticker und das Album für die Euro 2008 im Handel erhältlich.

535 unterschiedliche Aufkleber müssen diesmal gesammelt werden, um das Album voll zu bekommen – so viele wie bei keinem EM-Turnier zuvor. Insgesamt sind in Deutschland und Österreich 5,5 Millionen Alben und 40 Millionen Stickertütchen à fünf Bilder auf dem Markt. 60 Cent kostet eine Tüte, das sind zehn mehr als zur WM 2006. Das Album kostet 1,50 Euro. Dafür gibt es diesmal auch 60 Action-Bilder, auf denen die Stars in Spielszenen abgebildet sind. Laut Panini wird jedes Spielerbild gleich oft gedruckt.

Panini ist nicht irgendein Abziehbild. Es ist ein Gattungsbegriff geworden. Angefangen hat alles 1961 in Italien. Damals brachten die Gebrüder Giuseppe und Benito Panini, die 1945 erst einen Zeitungsstand in Modena hatten und 1954 einen Vertrieb gründeten, die ersten Sticker mit italienischen Fußballmannschaften in ihrer Heimat auf den Markt. Deutsche Fußballfans kamen erstmals zur WM 1970 in den Genuss der kleinen Bilder. Das erste Panini-Album für eine DM gab es 1980.

Seitdem ist die Nachfrage ungebrochen. Über 20 Milliarden Bilder hat das Unternehmen nach eigenen Angaben weltweit bisher verkauft. Zwar bringt Panini auch Comic-Bilder heraus, Fußball bleibt aber das Kerngeschäft. „Die WM 2006 war bisher unsere erfolgreichste Kollektion“, sagt Jens Presche. Er ist bei Panini Deutschland für die Fußballbilder zuständig. Vier Millionen Alben und 160 Millionen Tüten wurden vor zwei Jahren verkauft. Nur die Schweizer sind noch verrückter. Hier wurden zwar nur 60 Millionen Päckchen verkauft, doch waren das acht Tüten pro Einwohner. In Deutschland waren es zwei pro Kopf. Die Schweizer werden dafür mit einem Deluxe-Album belohnt, in das 555 Bilder passen.

Deutschland bekommt diesen Mehrwert nicht. Auch weil Panini nicht besonders gut auf den deutschen Fußball zu sprechen ist. Seit 1974 bringt Panini auch die Bundesliga-Klebebilder heraus. Doch im März entzog die Deutsche Fußball Liga Panini die Lizenz, weil der amerikanische Konkurrent Topps mit 12,4 Millionen Euro die Panini-Offerte von 11,25 Millionen überboten hatte.

International hat sich Panini die Rechte bis einschließlich zur WM 2010 in Südafrika gesichert. Die Schwierigkeiten bei der Zusammenstellung des Albums sind immer die gleichen. Schon Monate vor der offiziellen Bekanntgabe der Teamkader müssen die Verantwortlichen sich für Spieler entscheiden, die ins Heft kommen. „Ich denke, wir liegen diesmal ganz gut“, sagt Presche, der die deutschen Spieler auswählen musste. Zwei Wackelkandidaten hat er ausgemacht: Roberto Hilbert und Tim Borowski. Bei dem Rest ist er sich sicher. Vor der WM war das anders. Panini setzte auf Oliver Kahn als Nummer eins, doch es wurde Jens Lehmann. Sein Konterfei musste nachgedruckt werden, womit er zum begehrten Sammelobjekt wurde.

Dieser Charme der Ungleichzeitigkeit ist ein Grund, warum Panini auch in einer durchdigitalisierten Welt seinen Reiz hat. Einzig mit Online-Tauschbörsen machte Panini den Schritt in Richtung Internet. Ein anderer Grund für den anhaltenden Charme ist das Gemeinschaftserlebnis. In den kommenden Wochen werden wieder Menschen zu sehen sein, die auf Schulhöfen, in Betrieben und Geschäften, stapelweise Panini-Bilder mit sich rumschleppen. Ihr Ziel: Einen doppelten Ballack gegen den noch fehlenden rumänischen Stürmer Daniel Niculae tauschen. Dabei sind es nicht nur Kinder, die wild sammeln, damit sie das Heft vor der EM voll haben, sondern häufig Erwachsene zwischen 20 und 40 Jahren. Nichts steigert die Vorfreude so wie das Sticker-Album.

Es danach wegzuwerfen, wäre aber eine Todsünde. Denn die Alben sind ein Spiegel der Zeit. Die Entwicklungen von Vokuhila-Frisuren, Bärten und Trikots sind nirgendwo so gut zu bewundern wie auf diesen Bildern. Sie sind ein Zeugnis der Alltagskultur.

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