Medien : Pay-TV: Kirchs Fenster zum Hof

Matthias Hochstätter

Verträumt blickt Kaiser Franz von der Reklame-Tafel und wünscht sich, an "manchen Spieltagen" zu allen Bundesliga-Spielen gleichzeitig zu gehen. Bei Premiere World kann der Kaiser seine Träume nun verwirklichen, lautet die Werbe-Botschaft. Weniger verträumt starrt Medien-Mogul Leo Kirch in der Unterföhringer Konzern-Zentrale auf seinen Schreibtisch und hofft, dass es den Fußball-Fans genauso geht wie dem Kaiser und sie schleunigst abonnieren. Schließlich hat Leo Kirch einen Haufen Geld in die Bundesliga-Rechte investiert, drei Milliarden Mark für vier Spielzeiten. Über Premiere World will er sich das Geld wieder herein holen.

Doch in der Pay-TV-Sparte des Kirch-Imperiums laufen die Geschäfte schlecht. Fünf Milliarden Mark hat man schon verpulvert; und bis sich Premiere World rentiert - bis Ende 2002, hofft Kirch -, fließen noch mal zwei Milliarden. Mogul-Kollege Rupert Murdoch musste im Dezember in die Bresche springen: Er kaufte für drei Milliarden Mark ein Viertel der Kirch PayTV KGaA und sorgte so für Liquidität bei Premiere. Kirch-Spezl und Saudi-Prinz Al-Walid, der den Deal vermittelte, soll jetzt mit 3,25 Prozent bei der Kirch PayTV einsteigen - zum Freundschaftspreis von 350 Millionen Mark.

Seit dem Deal mit Murdoch steht Kirch gehörig unter Druck. Denn Murdoch stellte handfeste Bedingungen: Hat Kirch bis Ende 2002 nicht mindestens vier Millionen Abonnenten beisammen, kann Murdoch sich wieder auszahlen lassen oder die Mehrheit bei Kirch PayTV übernehmen. 2001 steht auch noch der Börsengang von Kirch-Media an, der Free-TV- und Sportrechte-Sparte von Kirch. Bis zum Börsengang muss Kirch PayTV noch ein Darlehen in Höhe von 1,3 Milliarden Mark an die Kirch-Media zurückzahlen. Die Premiere-Macher geben sich zuversichtlich: Bis Ende 2000 sollen es 2,9 Millionen verkaufte Abos sein, sagen sie. Derzeit stagniert die Zahl bei 2,2 Millionen.

Professor Klaus Schrape von der Basler Unternehmensberatung Prognos AG glaubt zwar, dass Exklusiv-Fußball ein Zugpferd sein könnte, dennoch ist er skeptisch: "Mit der Hochpreis-Strategie Kirchs wird das schwierig." Kirch PayTV verlässt sich auf Markt-Studien, wonach neun Millionen Deutsche ein konkretes Interesse an einem Abonnement haben. "Schön und gut", sagt Schrape, "aber auf den Preis kommt es an." Mehr als 20 Mark pro Monat wollen die meisten Interessenten nicht berappen. Das Fußball-Paket von Premiere kostet aber inklusive Dekoder-Miete gut 55 Mark, die Top-Spiele kosten extra. Leo Kirch sitzt in der Zwickmühle. Senkt er die Preise, sackt der Umsatz ab und Murdoch steht auf der Matte und erinnert ihn an die vereinbarten Zahlen, an den Break-even Ende 2002.

Widerspenstige Abonnenten sind nicht das einzige Problem. Auch die Sache mit der d-Box liegt Kirch schwer im Magen. Wer digitales Fernsehen sehen will, braucht einen Dekoder, etwa Kirchs d-Box. Andere Decoder können zwar das digitale Angebot etwa der ARD entschlüsseln, nicht aber Premiere World. Mit der d-Box kann man alles sehen - fast alles. Die Zusatz-Angebote der ARD entschlüsselt die d-Box nicht. EU-Kommission und Landesmedienanstalten wollen Kirchs Macht nun einschränken. Die d-Box muss offenherziger werden. Der ARD ist das nicht genug, sie klagt vor dem Europäischen Gerichtshof. Mit ins Boot genommen hatte Kirch die Telekom, die beim Vertrieb der d-Boxen behilflich ist, und eigene digitale TV-Kanäle über die d-Box präsentiert. Günstig für Kirch: Die Telekom lässt an ihre Kabelnetze keinen anderen Dekoder ran. Ein hübsches Monopol hatte sich Kirch gezimmert. "Doch Kirchs selbst geknüpfter Knoten löst sich jetzt", sagt Schrape. Wettbewerb entstehe nun, und der mache bekanntlich für alle Markt-Teilnehmer Sinn. Kirch könnte der Wettbewerb in die Sinn-Krise treiben.

Garant für die Trägheit auf dem Markt der digitalen Sensationen war bislang Kirch-Partner Telekom. Nur schleppend trennte sie sich von ihren Kabelnetzen und verzögerte somit den Wettbewerb und die Renovierung des Breitbandkabels, das die Grundlage der digitalen TV-Evolution ist. Ein Großteil der regionalen Kabelnetze ist nun verkauft. Doch die Telekom hat als Junior-Partner noch in allen Kabel-Gesellschaften die Finger drin. Richard J. Callahan, der Mann aus Denver, könnte Kirchs schärfster Konkurrent werden, oder Garry Klesch aus London. Sie haben Milliarden an die Telekom abgedrückt, um die Mehrheit an den Kabelnetzen in NRW, Hessen und Baden-Württemberg zu ergattern. Und sie wollen sich das Geld mit Zins und Zinseszins wieder zurückholen: Digitales Fernsehen, Internet-Telefonie, Video-on-Demand, Home Shopping, Home Banking - alles über Breitbandkabel.

Callahan sagt von sich, er sei ein echter "Breitband-Mann": "Ich möchte in Deutschland deutliche Spuren hinterlassen", kündigte er in den "VDI-Nachrichten" an. Die d-Box ist für ihn veraltet. Callahan braucht ein Gerät, das einfach zu bedienen ist, und das Internet und Fernsehen koppelt: "Spätestens in fünf Jahren werden wir soweit sein."

Vielleicht hat Kirch zu hoch gepokert. Vielleicht hätte er besser nicht den Markt abgeschottet. Vielleicht war der Visionär zu früh dran, das regulierte Deutschland war nicht reif für Pay-TV. Auch Schrape sieht die Zukunft des Fernsehens im Pay-TV: "Auf lange Sicht werden hochwertige Produkte ausschließlich im Pay-Verfahren vermarktet." Doch die Vermarktung könne erst richtig loslegen, wenn genügend Menschen digitales Fernsehen empfangen könnten. Und Deutschland hinkt da eben noch hinterher.

In der Bundesrepublik liegt die digitale Reichweite beim Pay-TV bei drei Prozent, in Frankreich bei zwölf. Dort gibt es vier Anbieter, die den Markt im Wettbewerb beackern. Der Wettbewerb ist nach Ansicht Schrapes für Kirch das "Window of Opportunity", die letzte Gelegenheit. Doch wenn Kirch in Unterföhring aus dem Fenster zum Hof sieht, lächelt ihn verträumt und weise dreinblickend der Kaiser Franz vom Plakat aus an. So, als ob er sagen wollte: "Leo, du hättest den Ball früher abspielen müssen."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben