Peer Steinbrück im „Circus Halligalli“ : Mit Zwang, Witz und Würde

Jeden TV-Auftritt nutzt Peer Steinbrück. Also geht er auch zu "HalliGalli", wo er in der Humorfalle sitzt. Dort schlägt er sich mit Anstand. Aber zum Lachen sollte man lieber woanders hingehen.

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Peer Steinbrück in der ProSieben-Sendung "HalliGalli".
Peer Steinbrück in der ProSieben-Sendung "HalliGalli".Foto: promo

Das ist jetzt Standard beim „Circus Halligalli“. Spaßig, weil sinnfrei, sinnfrei, weil spaßig. So fängt auch die Ausgabe mit Peer Steinbrück an, die dadurch eine Viertelstunde rumbringt, dass die Show  erst mal gar nicht anfängt. Das aber ist spannend, weil die Erwartung nach oben geschoben ist.

So, und dann ist er da, der SPD-Kanzlerkandidat. Peer Überall, der keinen Auftritt auslässt, jede TV-Präsenz nutzt, soll ja keiner sagen, der Steinbrück hätte es an Einsatz fehlen lassen. Das „Halligalli“-Duo aus Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt bittet den Politiker zum Smalltalk, Steinbrück trinkt ein Bier. Peng, hat er ein Wahlversprechen gebrochen, wollte er den Wahlkampf doch unterhalb der messbaren Promillegrenze durchstehen. Was sich andeutet, wird in der nachfolgenden „Wahlkampfmanege“ zur Gewissheit: Hier wird das Gespräch mit einem Spitzenpolitiker nur simuliert, harte Politik soll nicht das Thema sein, sondern witzische Annäherung an den Politiker ist Trumpf. Steinbrück spielt mit, kontert, veralbert HU als „Frau Will“. Steinbrück macht sich nicht zum Pausenclown-Peer. Fern jeder Bereitschaft, sich zur Gaudi des Publikums vorführen zu lassen, bewahrt er, wenn auch mit Mühe, Haltung. Steinbrück kann Witz und Würde. Wahlfernsehen im nur lustig gemeinten Fernsehen darf nicht heißen, dass der nur lustigste Mitmacher auch der beste Kanzler ist. Spaß-Republik Deutschland? Vergiss es, ProSieben! Und wahr ist auch: Der zuweilen zwangsamüsierte Peer S. holt so viele Pointen ab wie das Moderatoren-Personal. Sollte Raab zugesehen haben, darf er sich über den „Halligalli“-Nachwuchs gewundert haben. Raab ist im neuerdings staatstragenden Privatprogramm weiter die „Absolute Mehrheit“.

Was bei „Halligalli“ wirklich erstaunt, das ist die Dramaturgie des Publikums, also die Sendung gewordene Vorstellung von Pro Sieben, welche politisierte „Halligalli“-Ausgabe auf die jungen Zuschauer losgelassen werden soll. Unterstellung: Das Pro-Sieben-Publikum wird vom Sender als eingeordnet als hedonistisch, schnell gelangweilt, mehr der Party als der Politik zugewandt. Heufer-Umlauf macht folgerichtig wieder seine „In vino veritas“-Straßenumfrage. Das funktioniert wie immer: Jugendliche, stoned bis dort hinaus in der Berliner Morgenluft, werden dieses Mal zur Bundestagswahl interviewt, sprich bloßgestellt. Die machen sich echt zum Affen. Immerhin merken sie es nicht.

 Die ganze Steinbrück-Nummer bietet viel Zwanghaftes. Dem aufmerksamen Zuschauer wird nicht entgangen sein, wie sehr der Auftritt zusammengeschnitten worden ist. Die volle Länge der Aufzeichnung muss grausam sein. Ob sich Steinbrück mal gedacht hat: Muss ich mir das mit 66 Jahren noch antun? Andere Frage: Warum tun sich Heufer-Umlauf und Winterscheidt das an? Das sind zwei helle, gescheite Köpfe. Am Montag sind sie das nicht, sondern prustende Pennäler, die sich an sich selbst berauschen. Doof geht aber bei „Halligalli“ gar nicht  - „Promi Big Brother“ läuft nebenan, bei Sat 1, dem Schwestersender im Fernsehkonzern. Peer Steinbrück hätte gehen können, doch der sitzt ja in der eigenen Humorfalle. Hat er doch gesagt, wer sich über seinen ausgestreckten Mittelfinger nicht amüsieren könne, der solle zum Lachen in den Keller gehen. Sich über „Halligalli“ ausschütten vor Lachen? Da gehe ich lieber in den Keller.

Fazit gefällig? Peer Steinbrück wird über diesen „Circus“ nicht stürzen, ehe stolpert er über seinen Stinkefinger. Und Stefan Raab bleibt „King of Kotelett“.

PS: Diese Fernsehkritik gehört in die Tonne getreten, wenn wegen „Circus Halligalli“ auch nur ein Jugendlicher mehr zur Bundestagswahl geht. Dann haben Peer Steinbrück, Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt alles richtig gemacht. Und der Kritiker alles falsch.

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