Medien : Pfusch am Patienten

„Kunstfehler“, ein Film über Fehlbarkeit von Ärzten

Thilo Wydra

Was ist die Wahrheit? Hat nicht jeder seine eigene? Wo etwa liegt die Wahrheit, wenn ein Mensch stirbt, und keiner will daran schuld sein? Der PatientWenzel überlebt seine Operation nicht. Er war zuvor eine Treppe hinuntergestürzt und hatte sich dabei einen Milzriss zuzogen. Wenzel wurde von dem ahnungslosen Automechaniker Grünewald erwischt, mit Grünewalds Frau. Und dieser stieß ihn aus der Wohnungstür. Bei der Notoperation übersieht der völlig übermüdete und überarbeitete Chefarzt Dr. Werner Blessing (Günther Maria Halmer) Blutungen, auf die ihn seine Assistenzärztin Dr. Jutta Lambertz (Sophie von Kessel) aufmerksam macht. Doch Blessing wischt die Bemerkung von Lambertz weg, auch die umstehenden Ärzte und Schwestern schweigen wider besseres Wissen.

Als Grünewalds Anwalt Dirk Assmann (Hans-Jochen Wagner) einen unbekannten Anruf erhält mit dem Hinweis, dass die Operation nicht korrekt verlaufen ist, wendet er sich an Jutta Lampertz. Nach erstem Abwehren, nicht zuletzt aus Selbstschutz, öffnet sie sich dem hartnäckigen jungen Anwalt und sitzt mit ihm fortan in einem Boot. Es gilt, vor Gericht die Wahrheit gegenüber einem Klinikchef zu vertreten.

„Kunstfehler“ ist ein Ärzte- und ein Gerichtsdrama, das sich einem weitgehend tabuisierten Thema widmet. Ganz ähnlich wie unlängst Martin Eiglers „Der falsche Tod“, in dem es um das Für und Wider der Sterbehilfe ging. Regisseur Marcus O. Rosenmüller („Sperling“, „Bloch“) und die beiden Drehbuchautoren Detlef Michel und Kornelia Koronetz thematisieren die vermeintliche Unfehlbarkeit von Ärzten, von Menschen, denen Fehler unterlaufen können.

Doch was geschieht, wenn ein solcher Kunstfehler auffliegt? Entlassungen drohen. Das Ende einer vielleicht erfolgreichen Arztkarriere. Und der Schaden erst am Ruf der entsprechenden Klinik. All dies wird in dem beunruhigenden Film „Kunstfehler“ behandelt und diskutiert, behutsam und bei aller Emotionalität doch sachlich. Der Film hat nichts Spekulatives, nichts Überhöhtes, bedient sich keiner Klischees, hat keinerlei aufwendige Szenerien – denn all dies braucht er auch nicht. Zumeist spielt sich die Handlung im Krankenhaus oder im Gerichtssaal ab: So ist Marcus O. Rosenmüllers strenger Film ein Kammerspiel in diesen wie hermetisch abgeschlossenen Orten und Räumen und Gängen, die einem Druckkessel gleichen, der bald überzulaufen droht. Und dieser unsichtbare Druck, er wird hier in Inszenierung und Darstellung spürbar und eben sichtbar. Da ist all dieses Abwägen, dieses Austarieren, was wem wie warum schaden könnte oder nicht. Wahrheitsfindung versus Opportunismus. Herausragend dabei Sophie von Kessel und Günther Maria Halmer als Antipoden, deren Wahrnehmung von Wahrheit divergiert, so sehr, dass daran Leben und Karrieren hängen.

„Kunstfehler“, ZDF, 20 Uhr 15

0 Kommentare

Neuester Kommentar