"Planspiel Atomkrieg" : Wie Adenauer die Bombe lieben lernte

Es gibt nicht den Jahrestag oder das historische Datum, derentwegen eine zweiteilige Dokumentation zum "Planspiel Atomkrieg" in der ARD gezeigt werden muss. Das Leben mit der Bombe scheint für die Deutschen Geschichte geworden zu sein.

Joachim Huber

Es gibt nicht den Jahrestag oder das historische Datum, derentwegen eine zweiteilige Dokumentation zum „Planspiel Atomkrieg“ in der ARD gezeigt werden muss. Das Leben mit der Bombe scheint für die Deutschen Geschichte geworden zu sein. Aber ist derartiges Material nicht weiter in Deutschland gelagert, hat der Konflikt mit dem Iran wegen dessen bedrohlichem Atomprogramm für Israel nicht indirekte Auswirkungen auf deutsche Politik? So fern jeder Krieg auf deutschem Boden scheint, so vergangen ist jene Atomübung vom Juni 1964 im Dortmunder Sonnenbunker (hieß wirklich so). 144 Testpersonen sollten sechs Tage lang das Überleben im Atombunker proben. In „Adenauers Kampf um die Bombe“, dem ersten Teil der Dokumentation, schildert der damalige Zeitungsreporter Thorsten Scharnhorst den Streit, das Amüsement und die „Darmverschlingungen“ im Test mit dem Volk fürs Volk.

Autor Thomas Fischer lässt in den 45 Minuten wenig Zweifel daran, dass der Bevölkerung im „Planspiel Atomkrieg“ nur die Opferrolle zugedacht war, zugleich interessiert ihn der politisch-militärische Komplex ungleich mehr. Bundeskanzler Konrad Adenauer fürchtet Moskau als übermächtig und aggressiv, wenn er gen Osten fliegt, hat er nichts dagegen, dass die CIA mittels Kanzlermaschine sowjetische Raketenstellungen fotografiert. Warum auch? Für Adenauer muss die Bundesrepublik als militärischer Habenichts an die Seite des Westens, der USA. Der CDU-Kanzler treibt die Gründung der Bundeswehr, die Stationierung von Atomwaffen voran. Aber wie die Berlinkrise wegen des Mauerbaus 1961 zeigt, ist die Bundesrepublik bei ihren (Nato-)Partnern mehr gelitten als geschätzt. Berlin und Deutschland bleiben geteilt, Adenauers Ziel, die eigene Truppe mit Atomwaffen auszurüsten, unerfüllt. Deutschland wird im Ernstfall zum atomaren Schlachtfeld.

Autor Fischer versammelt bekannte Historiker wie den Adenauer-Biografen Hans-Peter Schwarz oder Politiker wie den SPD-Deutschlandexperten Egon Bahr; er ordnet das Archivmaterial und neugedrehte Einstellungen von den ehemaligen Schauplätzen – was den Film immer wieder auffrischt – zu einer anschaulichen, zuweilen aufregenden Chronologie vom Leben der Deutschen mit der Bombe. Joachim Huber

„Planspiel Atomkrieg“, Teil 1 „Adenauers Kampf um die Bombe“, ARD, 23 Uhr 30, Teil 2 „Raketenpoker um die Nachrüstung“, ARD, 10. September, 23 Uhr 30

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