Podiumsdiskussion : „Wie der Verkauf von Derivaten“

Die Verbreitung von Nachrichten ist dem Börsenhandel mitunter erschreckend ähnlich. Zumindest ergab dies der Mediendisput Berlin.

Sebastian M. Brauns

„Das Problem ist nicht die zu große Nähe zwischen Journalisten und Politikern, sondern eine zu große Nähe von Journalisten zu anderen Journalisten. Sie sind untereinander befreundet und sie heiraten einander“, diagnostizierte Bernd Ulrich, Leiter des Politikressorts der „Zeit“ am Dienstagabend in der Landesvertretung Rheinland-Pfalz in Berlin. Dort veranstaltete der journalistische Interessenverband „Netzwerk Recherche“ den Mediendisput Berlin. Journalisten und Politiker gingen dort der Frage nach, ob zwischen den beiden Berufsgruppen eine Hassliebe bestehe und wie viel Nähe verträglich sei. Für Bettina Schausten, die Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios, besteht zwischen Journalisten und Politikern ein eher nüchternes Verhältnis: „Eine zu große Nähe kann ich nicht feststellen. Kanzlerin Angela Merkel ist sachlich, kühl und lässt persönliche Nähe nicht zu.“ Auch Harald Christ (SPD) und Gesine Lötzsch (Die Linke) gaben an, bislang keine Wohnzimmergespräche geführt zu haben. Der stellvertretende Regierungssprecher Christoph Steegmans hingegen sucht persönliche Gespräche mit Journalisten: „In einem kleinen Kreis redet man offener und gibt nicht nur Vorformuliertes von sich.“ Die großen Geheimnisse gebe es dort aber nicht, wandte Bettina Schausten ein: „Keiner wusste vorher, dass Köhler zurücktritt.“

Nach den Gründen für den zunehmenden Politik- und Medienverdruss suchten die Diskutanten somit an anderer Stelle. Christoph Steegmans verglich die Verbreitung von Nachrichten mit dem „Derivatehandel auf dem Börsenparkett, einschließlich Leerverkäufen“. Man müsse Tempo rauszunehmen, sonst bleibe keine Zeit mehr zum Nachdenken, so der Regierungssprecher. Eins ist für Bernd Ulrich jedenfalls keine Lösung: „Gleichzeitig schreiben, filmen, fotografieren, Radiosendungen produzieren, um dann noch auf dem Klo zu twittern ist Selbstausbeutung und selbstverachtend.“

Konsens herrschte darüber, dass die Erwartungshaltung an die Kommunikation zwischen Politikern und Journalisten durch die neuen Medien gestiegen sei, die Aufnahmefähigkeit des Einzelnen aber nicht im selben Maße zugenommen hat. Um mit dem Wandel umzugehen, sei eine neue Form der thematischen Fokussierung nötig. Sebastian M. Brauns

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