POLIZEIRUF 110 : "Fragen Sie mal die Kanzlerin"

Die Kommissare Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler über den "Polizeiruf" zu DDR-Zeiten und heute.

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Den 300. „Polizeiruf 110“ lösen die Kommissare Herbert Schmücke (Jaecki Schwarz, links) und Herbert Schneider (Wolfgang Winkler)...

Der Anfang war programmpolitisch gemeint. Mit dem „Polizeiruf 110“ als Nachfolger der Reihe „Blaulicht“ sollte das DDR-Fernsehen dem „Tatort“ aus dem Westen Paroli bieten, der im November 1970 auf Sendung gegangen war. Im Juni 1971 ermittelte Peter Borgelt erstmals im Team mit Sigrid Göhler und Jürgen Frohriep. Die bodenständige Krimi-Reihe wurde ein Straßenfeger, auch ein Grund dafür, dass sich der „Polizeiruf 110“ im gesamtdeutschen ARD-Fernsehen gegen „Die Männer vom K 3“ oder „Schwarz-Rot-Gold“durchsetzen und neben dem „Tatort“ etablieren konnte. Derzeit kommt der „Polizeiruf“ von den vier ARD-Sendern BR, MDR, NDR und RBB.

Herr Schwarz, Herr Winkler, wild ist der Osten, schwer ist der Beruf, oder?


WINKLER: Unser Beruf ist überhaupt nicht schwer, weil es ein schöner Beruf ist. Der Osten? Als er hätte wild werden können, war es auch schon wieder mit dem Wilden Osten vorbei.

SCHWARZ: Wenn man nicht ganz oben ist, sondern irgendwie in der Mitte, dann kann es schon schwierig werden. Und der Wilde Osten? Wo bitte soll das denn sein?

Sie beide sind aber nicht in der Mitte, Sie gehören zu den Stars des deutschen Fernsehens.

WINKLER: Wie bitte, wir? Wir sind höchstens C-Promis, eher noch D.

SCHWARZ: Das ist doch wie früher im Sozialismus. Wer bei Feiern vorne saß, der war wichtig. Wir haben noch nie vorne gesessen. Weder damals noch heute.

WINKLER: Solange der Friseur noch vor uns sitzt, kann es mit unserem Promi-Status nicht allzu weit her sein.

Sie sind die Protagonisten des „Polizeiruf 110“. Da haben Sie die Nase vorn.

WINKLER: Wir sind doch nur die Schauspieler.

SCHWARZ: Und für nichts wirklich verantwortlich.

Können Sie uns trotzdem sagen, was das Besondere an Ihrem Krimi aus Halle ist?

SCHWARZ: Dass der Zuschauer den Fortgang der Dinge besser überblicken kann als bei manchem „Tatort“. Viele „Tatorte“ sind verdrehter, brutaler und extremer. Bei uns geht es eher etwas ruhiger zu.

Manche wollen sogar eine gewisse Behäbigkeit festgestellt haben.

WINKLER: Wenn es wie beim „Polizeiruf“ immer auch um gesellschaftliche Hintergründe geht, und das war zu DDR-Zeiten nicht anders, dann braucht das seine Zeit.

Der „Polizeiruf“: die DDR in neuen Kleidern?

WINKLER: Wenn das unsere Redaktion beim Mitteldeutschen Rundfunk hören würde, bekämen Sie wahrscheinlich Hausverbot. Zu Recht natürlich: Es stimmt ganz einfach nicht.

SCHWARZ: Ich habe mir vor ein paar Tagen einen frühen DDR-„Polizeiruf“ angesehen. Da ging es dermaßen steif zu und es wurde so schlecht gespielt. Grässlich. Das kann man mit unserem „Polizeiruf“ überhaupt nicht vergleichen.

Warum sind dann die alten „Polizeirufe“ so beliebt? Der MDR sendet sie wieder und wieder.

SCHWARZ: Das ist wie beim RBB und der DDR-Serie „Zur See“, die in der x-ten Wiederholung läuft. Eine Freundin, die beim RBB arbeitet, hat mir erzählt, dass jeden Tag Zuschriften kommen, in denen „Zur See“ gefordert wird. Der RBB könnte die Serie mehrmals im Jahr wiederholen und hätte immer gute Quoten. Es scheint da gewisse Bedürfnisse zu geben.

WINKLER: Viele, die früher lieber „Tatort“, also Westfernsehen geguckt haben, sehen sich heute die DDR-„Polizeirufe“ an, um sich so Erinnerungen zu holen. Auf einmal finden sie es spannend, wie es gewesen ist.

Was unterscheidet Ihren „Polizeiruf“ grundsätzlich von Ihrem DDR-Vorgänger?

WINKLER: Dass die Kommissare Kommissare sind und nicht mehr Leutnant und Hauptmann.

SCHWARZ: In der DDR war der „Polizeiruf" ein Lehrfilm. Da wurde kontrolliert und angepasst, alles war auf eine theoretische Wirklichkeit abgestimmt, so wie es sich die Obersten vorstellten. Wir sind da heute einen Schritt weiter, möchte ich hoffen.

Sie sind freie Menschen in einem freien Land.

SCHWARZ: So frei sind wir nun auch wieder nicht. Fragen Sie mal die Kanzlerin, die kann auch nicht, wie sie will. Und wir können auch nicht, wie wir manchmal wollen.

Sie sind auch privat befreundet. Wie viel von Ihnen steckt in Ihrem Rollenspiel?

SCHWARZ: Sehr viel. Bei den vielen unterschiedlichen Regisseuren, mit denen wir arbeiten, ging es gar nicht anders, wir mussten die Figuren an uns ziehen. Wir sind wir.

Sie sind regieresistent?

SCHWARZ: Auf gar keinen Fall.

WINKLER: Wir hören auf alles, was uns gesagt wird. Aber wenn Sie wie wir 40 Jahre Berufserfahrung auf dem Buckel haben, dann haben Sie eine Ahnung davon, was einer kann und was nicht. Aber der Regisseur ist nun mal der Spielleiter und hat immer Recht. Mehr oder weniger.

Also hinhaltender Widerstand.

SCHWARZ: Nein, eher ein Aneinander- Reiben, das im Idealfall zum Besten aller führt. Ein kluger Mann ist in der Lage, das Bessere anzuerkennen.

War früher alles besser? Ihre Schauspielkollegin Katrin Saß sagt, in der DDR war nicht alles schlecht. Zum Beispiel die Kinderbetreuung. Was hat Ihnen an der DDR gefallen?

SCHWARZ: Lassen Sie mich mit Heiner Müller antworten, der auf eine ähnliche Frage geantwortet hat: die Selbstmordrate. Weil die so hoch war in der DDR. War also nicht alles schlecht. Im Ernst: Wir haben in der DDR gelebt, wir haben sie ertragen, und es stimmt, es war für uns nicht alles schlecht in der DDR. Aber das heißt noch lange nicht, dass wir die DDR für den idealsten Staat der Erde gehalten haben.

Hatten Sie ein Ziel, als Sie mit der Schauspielerei anfingen?

SCHWARZ: Ich wollte die Leute unterhalten und sie aufklären, wie man gut wird. Ich wollte Ihnen etwas sagen. Diese Haltung habe ich bis zur Wende fast durchgehalten.

WINKLER: Ich wäre gerne der Nachfolger von Anthony Quinn in Hollywood geworden. Schon auf der Filmhochschule. Damals konnte man so was auch öffentlich sagen, weil das, also Hollywood, jenseits aller Vorstellung lag. Damals ist dieser schwere Scherz, der heute nach Größenwahn klingt, auch verstanden worden. Ich wollte einen Beruf, der mir Spaß macht. Das aufklärende Element war bei mir nicht ganz so stark ausgeprägt wie bei Jaecki.

Wie kann es überhaupt sein, dass Sie Freunde geworden sind? Sie, Herr Winkler, waren Parteimitglied, Sie, Herr Schwarz, nicht und auch sonst dagegen.

WINKLER: Ich war zwar in der Partei, aber er hatte die Vorteile. Er konnte ins Ausland, ich nicht.

SCHWARZ: Freunde sind wir ja erst nach der Wende geworden. Und dafür, dass ich reisen durfte, habe ich auch bezahlt.

Ihr „Polizeiruf“ spielt im Osten, Sie stammen beide aus dem Osten – ist das das Geheimnis hinter Ihrem Erfolg?

SCHWARZ: Wenn Sie glauben, unser Publikum läge hauptsächlich im Osten, dann irren Sie. Unsere Klientel liegt im Westen. Der gemeine Ostler guckt Privatfernsehen.

WINKLER: Wie früher: bloß kein Staatsfernsehen!

Herr Schwarz, Sie sind 63, Herr Winkler, Sie sind 66. Waren Sie nicht ein bisschen erschrocken, als Peter Sodann beim „Tatort“ in Leipzig ausscheiden musste?

SCHWARZ: Es wurde ja von vielen vermutet, dass wir die Nächsten sein würden. Aber es sieht nicht danach aus. Wir machen jedenfalls so lange weiter, wie wir gewollt werden. Auch wenn wir Angst hätten, was würde das helfen?

WINKLER: Unsere Verträge werden von Jahr zu Jahr verlängert. Oder eben auch nicht. Das Schöne ist, dass uns unsere Arbeit Spaß macht. Ich gehe gern zur Arbeit.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

„Polizeiruf 110“, 20 Uhr 15, ARD

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