POSITIONEN : Das kleinste Wellenkind stemmt die schwerste Aufgabe

Programmstruktur und Programminhalte verkörpern unterhaltsam und süchtig machend kulturelle Vielfalt. Warum Radio Multikulti nicht verstummen darf.

Barbara John

Sei anders, sei gleich, sei deutsch, sei koreanisch, sei türkisch- deutsch, sei Bürgerin, sei dreisprachig, sei einsprachig, sei patriotisch, sei weltläufig, sei eingewandert, sei eingeboren, sei tolerant, sei religiös, sei atheistisch. Aufhören damit! So viel Ungleichheit, so viel Verschiedenheit, so viel Kontrast, in einem Atemzug vorgestellt, das ist weder verdaubar noch vermittelbar. Are you sure? Ich finde, dass es sich bei der Aufzählung nur um einen winzigen Ausschnitt handelt, wie Menschen in und um Berlin sich definieren. Und es ist die kleine RBB-Welle Radio Multikulti, der es auf wundersame Weise gelungen ist, diese kulturelle Vielfalt zum Klingen zu bringen, ihr mitmenschlichen, emotionalen und intellektuellen Ausdruck zu verleihen. Wer 96,3 einschaltet, der hört und spürt es.

Wenn nun ausgerechnet diese Welle verstummen muss, weil der RBB nicht mehr sieben, sondern nur noch sechs Radioprogramme finanzieren kann, verlieren Berlin und Brandenburg den profiliertesten Überbringer und Vermittler ihrer existenziellen Botschaft von kultureller Vielheit und Weltoffenheit. Das mag zu bedauern sein, wie es landauf, landab zu hören ist. Warum aber sollte ausgerechnet das kleinste, immer ein wenig unterernährte Wellenkind des RBB am Leben bleiben? Steckt hinter dieser Forderung nicht die politische Korrektheit, die einem zum Halse raushängt: Alles andere tritt zurück, wenn es um Migration, Ausländer, Integration geht?

Mitnichten, daraus allein wächst kein Unverzichtbarkeitsanspruch. Diese Themen können viele Hörfunkprogramme, selbst die privaten. Radio Multikulti ist längst über das Gutmeinen hinausgewachsen. Es hat sich ein unentbehrliches Profil in seinem 14-jährigen Wellenleben erarbeitet. Sein Sendeauftrag konzentriert sich auf ein lange verdrängtes und politisch ungeliebtes Menschenrecht: das Recht auf kulturelle Freiheit.

Für die Unesco gehört die Entwicklung und Ausbreitung dieses Rechts zu den zentralen Zielen im 21. Jahrhundert. Kein Land, schon gar nicht die vielgestaltigen Großstädte werden politische Stabilität und wirtschaftliche Anziehungskraft sichern können, wenn kulturelle Freiheit nicht gewährt und entwickelt wird. Wieder und immer stärker betont die Unesco dabei die ausschlaggebende Rolle der Medien.

Radio Multikulti stellt sich der Aufgabe. Programmstruktur und Programminhalte verkörpern unterhaltsam und süchtig machend kulturelle Vielfalt. Die Welle ist vieles zugleich: Quelle für die gesamte Region, wenn Information und vertiefte Recherche gebraucht werden. Plattform, um die Mannigfaltigkeit sichtbar, hörbar, greifbar zu machen, Highlights herauszustellen, Nachwuchsjournalisten aus vielen Kulturen zusammenzubringen. Anwalt, um Unterschiede wahrzunehmen, nicht zu unterdrücken, aber vor allem klug und geduldig auszuhandeln, wie viel und welche kulturelle Freiheit einer demokratischen Gesellschaft zuträglich ist. Auslöser, Ermöglicher und Brückenbauer, um Menschen, Organisationen, Meinungen zusammenzuführen, Vertrauen und Verständnis füreinander aufzubauen.

Kann es sein, dass all diese elementaren Aufgaben nicht zu der Grundversorgung und zum Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen RBB gehören, der deshalb auch zu Recht gebührenfinanziert wird? Die privaten Sender werden gewiss nicht einspringen. Es hat sich nun einmal so ergeben: Das kleinste und schwächste Kind des RBB hat die gewaltigste Aufgabe zu stemmen.

Bitte, lasst es nicht verstummen.

Die Autorin war Ausländerbeauftragte des Berliner Senats von 1981 bis 2003.

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