Premiere beim Privatsender : „Ganz klar: Thomas Gottschalk geht ein Risiko ein“

Neue Jury, neue Staffel beim „Supertalent“: RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger über Alphatiere, Castingshows und willkommene ZDF-Zuschauer.

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Die drei von der Prüfstelle. Thomas Gottschalk (links) und Michelle Hunziker sind neu in der „Supertalent“-Jury, nur Dieter Bohlen war immer schon da. Foto: RTL
Die drei von der Prüfstelle. Thomas Gottschalk (links) und Michelle Hunziker sind neu in der „Supertalent“-Jury, nur Dieter Bohlen...Foto: dpa

Herr Sänger, heute Abend startet die neue Staffel von „Das Supertalent“ mit Thomas Gottschalk als Juror. Warum haben Sie ihn an die Seite von Dieter Bohlen geholt?

Wie interessant die Konstellation ist, war ja immer schon zu beobachten, wenn die beiden bei „Wetten, dass ..?“ zusammengetroffen sind. Beide gehören zu den großen Persönlichkeiten im deutschen Unterhaltungsfernsehen. Beide Titanen in einer Show, gibt es eine reizvollere Idee?

Dann haben Sie schon nach Gottschalks Abschied von „Wetten, dass ..?“ an ihm gebaggert, damals aber gegen die ARD verloren.

Gebaggert würde ich nicht gerade sagen, aber Thomas Gottschalk und RTL standen miteinander im lockeren Kontakt. Aber so ein Senderwechsel will natürlich von beiden Seiten wohlüberlegt sein.

Vor allem ist er von beiden Seiten mit Erwartungen verbunden. Gottschalks ARDVorabendshow wurde wegen mieser Quote eingestellt. Wie viele Millionen mehr soll er dem „Supertalent“ bringen?

Ich fände es falsch, wenn wir die Quotenerwartungen auf die Schultern von Gottschalk legen würden. Ebenso wäre es auch völlig falsch zu denken, dass es nur dank Thomas Gottschalk eine noch bessere Quote gibt.

6,67 Millionen Zuschauer hat RTL im vergangenen Jahr durchschnittlich mit dem „Supertalent“ erreicht.

Bei den Zuschauern zwischen 14 und 49 Jahren war es damit ein Marktanteil von 31 Prozent. Das hat keine Unterhaltungsshow über vier Monate geschafft. Es wäre aber verrückt zu glauben, dass wir diesen Rekord noch einmal toppen können, denn der Markt fragmentiert sich immer mehr. Insofern wären wir sehr, sehr froh, wenn wieder einen ähnlichen Marktanteil erreichen würden. Das wäre sensationell. Ob sie es glauben oder nicht: Selbst mit etwas weniger, wären wir noch immer sehr zufrieden.

Thomas Gottschalk ist nicht der einzige Neuzugang. Auch Michelle Hunziker sitzt neben Bohlen in der Jury. Gibt es eine klare Aufgabenverteilung zwischen den Dreien?

Erst mal soll jeder der drei Juroren seine Meinung sagen, nicht gefallsüchtig dem Publikum und dem Zuschauer gegenüber. Das zu schaffen, ist schon eine Leistung. Thomas Gottschalk ist sicher sehr viel salomonischer als Dieter Bohlen. Michelle Hunziker ist das ausgleichende Element in der Mitte, aber auch mit einer sehr starken eigenen Meinung, was sehr wichtig ist bei zwei Alphatieren wie Gottschalk und Bohlen. Es gibt aber keine klar zugewiesenen Rollen. Wenn Thomas Gottschalk etwas ablehnt, dann tut er das genauso vehement wie Dieter Bohlen. Wenn er das auf unterschiedliche Weise tut, dann ist es mir nur recht.

Zwei Alphatiere in einer Show. Sind Ihre Erwartungen erfüllt worden?

„Voll auf die zwölf“, das war nicht meine Erwartung, das war die der Öffentlichkeit. Ich wollte zwei starke Meinungen haben, aber kein Promi-Boxen. Wer eine gut gemachte Unterhaltungssendung mit kontroversen Ansichten erwartet, der wird gut bedient sein.

Bei den Aufzeichnungen zum „Supertalent“ in Berlin hat das Publikum mit Gottschalk gefremdelt: Was will der ZDF-Mann in einer RTL-Jury?

Mein Eindruck war ein anderer. Aber unabhängig davon: Thomas Gottschalk ist von 23 ZDF-Jahren mit „Wetten, dass ..?“ natürlich geprägt. Man kann es auch positiv sehen, dass Gottschalk jetzt in einem Format auftritt, in dem das Publikum ihn nicht erwartet hat. Ganz klar: Thomas Gottschalk geht auch mit uns ein Stück Risiko ein.

Am 6. Oktober kommt es zum Duell zwischen RTL und ZDF, wenn „Das Supertalent“ gegen die Premiere von „Wetten, dass ..?“ mit Markus Lanz läuft. Ist das Kalkül?

Wir senden nun mal wöchentlich, das liegt beim „Supertalent“ in der Natur des Formats. Wenn man Zuschauer binden will, ist es sicher nicht sinnvoll, einem anderen Programm auszuweichen. Über viele Jahre haben andere Sender zu Notlösungen gegriffen, wenn im ZDF „Wetten, dass ..?“ lief. Wir waren mit dem „Supertalent“ und „Deutschland sucht den Superstar“ die Ersten, die dieses ungeschriebene Gesetz gebrochen haben. Das ist alles andere als neu. Allerdings glaube ich, dass „Wetten, dass ..?“ am 6. Oktober sehr stark laufen wird.

Stärker als „Das Supertalent“?

Ich gehe davon aus, dass das ZDF die Nase beim Gesamtpublikum vorne haben kann – wenn dort alles richtig gemacht wird. Und wir werden bei den jüngeren Zuschauern die Nase vorn haben – wenn wir alles richtig machen.

Das ist allerdings nicht so einfach. Castingshows schwächeln. Warum halten Sie so bedingungslos an dem Format fest?

Weil es erfolgreich ist! Dennoch stimmt, dass das Genre in eine reife Phase gekommen ist. Wir waren mit „DSDS“ und „Supertalent“ die Ersten, die zwei wirkliche Flaggschiffe bei den Castingshows etabliert haben. Deshalb wäre es dumm, als Erste wieder aufzugeben – denn wenn ein Format überlebt, dann meist das am längsten etablierte. Ich glaube fest daran, dass diese Marken weiterleben, wenn sie sich weiterentwickeln.

Wenn wir länger durchhalten, dann sterben die anderen vor uns?

Dass es zu einer Sättigung kommt, ist ganz klar. Aber am Ende werden die Inhalte entscheidend sein. Und eine Variety-Show wie „Das Supertalent“ wird weiterhin Erfolg haben, weil sie breit und damit flexibel aufgestellt ist. Außerdem sehe ich am Horizont keinen weiteren so großen Trend wie Castingshows.

Was alles in dieser Welt kann noch mit einem Casting-Format eingefangen werden?

Das freie, nicht bearbeitete Feld existiert schon gar nicht mehr. Das „Supertalent“ ist eine so offene Form, dass wir bereits alle „Felder“ bearbeitet haben. Ganz sicher wird es bei RTL in absehbarer Zeit keine neue Castingshow mehr geben. Wir werden die Klassiker konsequent weiterentwickeln – kompromisslos nah am Geschmack der Zuschauer.

RTL muss auch deshalb so sehr auf Klassiker setzen, weil Neustarts wie „Total Blackout“ und „Star Race“ nicht reüssiert haben. Stottert der Innovationsmotor bei RTL?

Gerade in der neuen Saison probieren wir auch im Show- und Real-Life-Bereich viel Neues aus. Dazu gehört einfach, dass nicht alles ein Hit wird.

Klingt aber nicht so, als würden „Total Blackout“ und „Star Race“ in Serie gehen.

Wir haben das noch nicht abschließend entschieden.

Macht der Konkurrenzsender Pro 7 in der Öffentlichkeit nicht gerade den stärkeren Eindruck? Stefan Raab hat jede Woche eine Idee, Joko & Klaas gehen mit einer Show nach der anderen auf Sendung.

Ankündigungen oder auch der Geschmack einiger Kritiker sind das eine – entscheiden tut aber am Ende der Erfolg beim Zuschauer. Hier liegen wir sehr deutlich vor den Kollegen.

RTL altert noch schneller als die Konkurrenz, oder? Gottschalk ist 62, Bohlen 54.

Sie übersehen bewusst Daniel Hartwich, oder? Und was unsere Zuschauer angeht, sind wir als einer der wenigen Sender eher etwas jünger geworden.

Wir ehren das Alter wie Sie. Welches weitere Format ist mit Thomas Gottschalk in der Planung?

Wir haben verabredet zu schauen, wie wir in der täglichen Arbeit zusammenkommen. Mal sehen, wie das „Supertalent“ läuft. Wir haben keinen Druck, und wir üben keinen Druck aus.

Gottschalk im „Supertalent 2013“?

Warten wir es ab.

Ist Gottschalk eine solche Fernsehgröße, dass er Zuschauer vom ZDF zu RTL mitnehmen kann?

Bestimmt, aber ganz ohne Format gelingt das keinem Moderator, das muss man ehrlich sagen. Ich weiß aber, dass „Wetten, dass ..?“ und das „Supertalent“ eine gewisse Überschneidung haben. Das „Supertalent“ spricht von allen RTL-Shows die breiteste und die älteste Zuschauerschaft an. Insofern halte ich es für möglich, dass auch ZDF-Zuschauer den Weg zum „Supertalent“ finden.

Es dürfen also auch ZDF-Zuschauer RTL einschalten?

Natürlich. Sie sind herzlich willkommen.

Das Interview führten Joachim Huber und Sonja Pohlmann.

„Das Supertalent“, 20 Uhr 15, RTL

Tom Sänger ist

als Unterhaltungschef beim Fernsehsender RTL für Sendungen wie „Das Supertalent“ und „Deutschland sucht den Superstar“ verantwortlich.

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