Medien : Printmedien: Der aussichtslose Versuch von Zeitschriften, tagesaktuell zu sein

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Überall dieselben Fotos, dieselben Minutenprotokolle der Terroranschläge; mal fällt die Wortwahl nüchtern aus, mal wird mit Superlativen gearbeitet. Aber wer schaut schon den ganzen Tag fern und liest zugleich alle Zeitungen, alle Zeitschriften? Die vergangenen Tage haben gezeigt, wie groß in einer Situation wie dieser das Bedürfnis nach Information ist. Entsprechend bemühten sich die Printmedien um umfassende Berichterstattung, werfen Produktions- und Themenpläne über den Haufen. Manche, wie Peter Glotz (SPD), kritisieren, das sei zu viel, zu viel vom immer Gleichen. Doch wer als Leser dem "Spiegel" sein Vertrauen schenkt, mag sich bei "Focus" nicht aufgehoben fühlen. Leser von "Max" sprechen eine andere Sprache als die vom "Stern". Die Frage, welcher Sonderdruck am besten glückte, am schnellsten erschien, ist eine theoretische. Eine, die sich Journalisten stellen.

Den Letzten beißen die Hunde, heißt es. Der "Stern" war das letzte Magazin, das vor der Tragödie in Druck ging und wäre das erste, von dem man eine prompte, umfassende Reaktion auf Aktualität erwartet: mit großer Optik, Reportagen, Emotion und Information. Ein innerhalb von sieben Stunden produziertes 32-Seiten-Sonderheft linderte zunächst die Not des peinlich wirkenden Spaß-Titelbildes vom Donnerstags-Heft. Mehr als eine Notausgabe hat die Hundertschaft von "Stern"-Redakteuren nicht geschafft. Da wirkte die "Max"-Maschinerie mit ihren paar Dutzend Redakteuren, die sich gerade mal einen Tag Zeit für ein 136-seitiges Sonderheft nahm, geschmierter. Branchenweit Respekt verdiente sich die "Zeit". Die oft als "alte Tante" verspottete Wochenzeitung reagierte am schnellsten und blieb ihrem Ruf als tiefgründiges Blatt dennoch treu. Schon am gestrigen Montag war sie mit einer neuen Ausgabe präsent. Auch der "Stern" erschien am Montag erneut und versucht nun, im zweiten Versuch den Schnellschuss von vergangener Woche wiedergutzumachen. Am späten Freitagabend wurde das Heft fertig - dank der vorgezogenen "Spiegel"-Produktion wurden Druck-Kapazitäten frei. Die Nachrichten vom Wochenende konnte der "Stern" nicht berücksichtigen. Kaum ist das Magazin in den Regalen, heißt es heute Vormittag wieder: Redaktionsschluss. 140 Seiten des Montags-"Stern" aktualisiert die Redaktion in Teilen nochmals für die kommende, regulär am Donnerstag erscheinende Ausgabe.

In allen Bemühungen zeigt sich der Zeitdruck, der auf den so genannten aktuellen Magazinen lastet. Sie erscheinen seltener, der Produktionsvorgang ist langwieriger als bei Tageszeitungen. Dennoch lassen Zeitschriften nichts unversucht, mit Tagesmedien mitzuhalten - obgleich die mittlerweile die Funktion von Magazinen mit übernommen haben. In der CDU-Spendenaffäre gelang Tageszeitungen mit ihren Enthüllungsgeschichten gegenüber Wochenmagazinen erstmals ein Vorsprung. Wochenmagazine, denen diese Kompetenz bis dahin zugesprochen wurde, hinkten hinterher. Trotz aller Bemühungen auch diesmal.

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