Medien : Prinz William: Der Charme des Archivs

Christian Hörburger

Prinz Charming. ZDF. Kaum sind die Tränen des Halbwaisen Prinz William über Dianas Tod 1997 im Pariser Tunnel leidlich getrocknet, da nehmen das Fernsehen und die Gazetten den 18. Geburtstag des möglichen britischen Thronfolgers zum Anlass, um jeden Wimpernschlag in seinem royalen Gesicht als visionäre Verheißung für die Zukunft zu deuten. Anchorman Reitze vom "heute journal" stimmt im Abspann an den sich anschließenden Hofbericht von Theo Koll ein und bietet Schnappschüsse von der sich anbahnenen Geburtstagsparty. Aber William, der Eaton-Musterschüler, büffelt auch an diesem Tag fürs Abi. Ein begnadeter Knabe eben, der nur Freude macht, Fußball spielt, gerne denkt und auch weiß, was eine Internet-Maus ist.

Theo Koll, so hat es den Anschein, ist trotz seiner ZDF-Akkreditierung leider nicht sehr nah an den jungen Mann herangekommen. Der Journalist - hart ist der Beruf - muss daher ausführlich berichten, was die anderen, die wirklichen Hofberichterstatter über Williams, Papa Charles oder die sich einschmeichelnde Camilla zu tratschen haben. Rund zwanzig Biografen, Fotografen, Ghostwriters und vollmundige Hofschranzen hat Theo Koll im BBC-Archiv und anderswo aufgetrieben. Sie alle haben - distinguierter als irgendein Paparazzo - sehr viel über die Grübchen und Fältchen des Geburtstagskindes nachgedacht. Koll schnipselte sein verstaubtes Archivmaterial mit wenig Eigensinn zusammen. So entstand ein ganz braves Ständchen, das mehr von der Unselbständigkeit des Journalisten zeugte als vom Adel seines Themas.

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