Privatfernsehen : Fabriken des Entertainments

Sat 1 hat seine Info-Offensive gestrichen. Das Privatfernsehen macht sich damit ehrlicher – und profitabler. Die Entscheidung bestätigt wieder einmal die Regularien des dualen Systems aus öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern.

Bernd Gäbler
Kloeppel
"Vollprogramm" RTL: Peter Kloeppel glauben Zuschauer vieles. -Foto: RTL

Nach einer vernünftigen Abwägung von Kosten und Gewinn entschied die Führung von Sat 1, einige Sendungen aus dem Programm zu nehmen. Es waren Magazinsendungen, die der Privatsender bis dahin unter dem Rubrum „Information“ führte. Dazu musste man den Begriff „Information“ großherzig auslegen. Die Empörten taten dies umgehend. Daraus entstand eine Debatte, deren Dynamik über den tatsächlichen Anlass weit hinauswuchs.



Ist Sat 1 noch für „voll“ zu nehmen ?

Zwar hatte bisher keiner, der bei Trost war, je den Sender Sat 1 eingeschaltet, um sich zu informieren, aber plötzlich brach sogar ein Streit zwischen zwei Landesmedienanstalten los, ob das von Sat 1 Gesendete von nun an noch verdiene, „Vollprogramm“ genannt zu werden. Von größerem symbolischen Wert, Sat 1 von nun an nicht mehr für „voll“ zu nehmen, war die Entlassung von Thomas Kausch. Der lockere News-Anchorman war doch extra zum Zwecke einer „Info-Offensive“ vom ZDF abgeworben worden. Dessen Enttäuschung trifft ein verbreitetes Unwohlsein. Seine Hoffnung war, öffentlich-rechtliche Seriosität mit privatwirtschaftlicher Beweglichkeit zu kombinieren.

Was Thomas Kausch wohl nicht bewusst war: Seine Enttäuschung hatte beispielweise schon die erste Redakteursgeneration von Vox erlebt; frustriert waren ebenso die talentierten Reporter, die einst zu RTL gingen, um das ambitionierte Magazin „Kisch“ zu konzipieren, das nie auf den Sender ging. Es ist nicht einmal böser Wille – was Kausch widerfuhr war nicht die erste, aber vermutlich die vorerst letzte ausgedachte „Informationsoffensive“ eines privatwirtschaftlich agierenden Senders. Die persönliche Enttäuschung von Thomas Kausch deckt sich also mit einer gesellschaftlichen über den Wert des Privatfernsehens.

Unterhaltung über alles

Anders als etwa in den USA, wo die großen Networks für die Öffentlichkeit eine mit unseren öffentlich-rechtlichen Sendern vergleichbare Rolle spielen, ist das publizistische Gewicht des Privatfernsehens auch nach einem Vierteljahrhundert seiner Existenz fast erschreckend gering geblieben. Auf jeden Fall steht es in krassem Gegensatz zu den Abend für Abend erreichten Millionen Zuschauern, die ja auch Bürger sind.

So wie Hellmuth Plessner manche politische Fehlentwicklung in Deutschland der „verspäteten Nation“ zugeschrieben hat, wird im geringen publizistischen Gewicht der privaten Sender auch deren „verspätete“ Einführung spürbar. Im Gegensatz zur Welt des Gedruckten sind sie wenig verwurzelt in der nationalen Kultur. Noch immer wirken sie wie ein etwas aufgesetztes, vorrangig ökonomisches Projekt. Die Politik sieht in ihnen vorrangig eine Standortfrage; die heutigen Senderchefs wirken wie visionsfreie Manager der ökonomischen Vernunft und renditemaximierender Kalküle. Zu Recht begreifen sie ihre Sender deswegen in erster Linie als gut geölte Fabriken des Entertainments.

Die Nachteile des dualen Systems

Trotz gelegentlicher Sticheleien haben sie sich auch längst eingefunden in die Regularien des dualen Systems aus öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern. Damit einher geht die Anerkennung einer weitreichenden politischen Entscheidung: Wir überlassen das Monopol der politischen Berichterstattung de facto den nahezu beliebig expandierenden öffentlich-rechtlichen Sendern. Selbst die sich „liberal“ nennende politische Strömung ist in dieses System so sehr eingesponnen, dass sie den eigenen Parteinachwuchs, wenn er zum Beispiel programmtreu die Privatisierung des ZDF fordert, abblitzen lässt, als sei da eine Horde weltfremder Marsmännchen unterwegs.

Wir haben inzwischen Gesetze, nach denen eine Universität pleitegehen kann, ein WDR aber nicht. Letztgarant ist der Staat. Am Ende bürgt er für Medien, deren Aufgabe es ist, ihn kritisch zu durchleuchten. Zum Glück ist die Presse anders organisiert.

Den finalen Stopfen auf eine mögliche dynamische Entwicklung eines interessanten und gesellschaftlich relevanten privaten Fernsehens setzte Phoenix. Eben weil „verspätet“, entwickelte sich das Privatfernsehen schnell, aber vor allem in die Breite. Eine Fülle von Sendern entstand, jeder ohne spezifisches Profil, zunächst als „more of the same“, bald als Abspiel- und Wiederholungskanal im Rahmen einer Senderfamilie.

Warum sollte es da nicht möglich gewesen sein, mit privater publizistischer Kraft neben ARD und ZDF einen Dokumentations-, Ereignis- und History-Channel erfolgreich zu betreiben? Phoenix hat die Ansätze von n-tv und N 24 für ein deutsches CNN durchkreuzt. So wurde ins duale System als „heimliches Curriculum“ eine Arbeitsteilung eingeschrieben, die Sat 1 jetzt vollzieht: Die öffentlich-rechtlichen Sender machen alles, die privaten dienen der Unterhaltung.

Nur RTL ist ein privates ZDF

Als „Vollprogramm“ kann außer ARD und ZDF getrost noch RTL gelten. Das Abendprogramm ist durch Nachrichten um 18 Uhr 45 und um Mitternacht weiträumig umrahmt. Neben dem seriösen Peter Kloeppel gehören „News to use“ zum Konzept. Es wird mehr über Benzin- und Milchpreise, Neues aus der Medizin und Tipps zu Hartz IV berichtet als über klassische Politik. Der Aufsager aus Berlin wird fast schon zu einer Ausnahme. Das entspricht einer allgemeinen Entpolitisierung. Zugleich hat sich RTL von den Schocktherapien seiner Frühzeit entfernt. Von „Wer wird Millionär?“ über „Super-Nanny“ bis hin zum „Großen DeutschKurs“ bietet RTL familienkompatible Formate an, die ARD und ZDF gerne hätten. Auch DGB-Chef Michael Sommer freut sich, dass wenigstens bei RTL noch Arbeiter vorkommen. Trotz Günther Jauch und Peter Kloeppel fehlt wegen der Quotenrisiken allerdings eine Sendung von der Bedeutung, die früher dem für das Privatfernsehen noch immer singulären „Talk im Turm“ (Sat 1) zukam.

„Public Value“

Während heiß debattiert wurde, ob der „Spiegel“ geholfen habe, Rot-Grün kaputtzuschreiben, oder ob Uli Joerges im „Stern“ zu sehr pro Angela Merkel zwischenrief, jucken die belanglosen Kommentare in den „Tagesthemen“ niemanden. Selbst wenn Sandra Maischberger, also eine Prominente aus eigenem Hause, einen durch ungewöhnliche Nähe bestechenden biografischen Dokumentarfilm über Helmut Schmidt dreht, leistet es sich die ARD, diesen ins Nachtprogramm zu verbannen. Aus dem Politikmonopol wächst Arroganz. Dies mindert den „Public Value“ auch öffentlich-rechtlicher Anstalten.

Danach befragen lassen müssen sich aber auch die privaten Veranstalter. Unternehmergeist soll ja nicht nur zu Gewinnen führen, sondern der Gesellschaft etwas geben – seien es sichere Autos, Mode oder tolle Software. Für andere Branchen ist dies selbstverständlich. Wollen wir den Nutzen von Medien nicht zu eng fassen, also der „Bunten“ zugestehen, einen Beitrag zur Unterhaltung der Gesellschaft zu leisten, ist doch zu fragen, was das private Fernsehen schuf: sicher eine tabufreiere, pluralistischere, hedonistischere Art der Entspannung.



Heißes Herz, kühler Verstand

Der frühere Sat-1-Chef Roger Schawinski zeigt gerade am Beispiel der gescheiterten Serie „Blackout“, dass es eine „TV-Falle“ sein kann, etwas zu machen, für das man sich selber begeistert. Andere formulieren radikaler: Wer im Massenmedium Fernsehen Erfolg haben will, muss absehen vom eigenen Geschmack. Der Markt sei das Subjekt, dem es gelte, geschmeidig gerecht zu werden, „Selbstverwirklichung“ ein sprödes Ziel von gestern, das dabei nur störe. So denkt kein Autodesigner, nicht einmal ein Autoverkäufer. Aber ausgerechnet in der „kreativen Medienbranche“ soll sich diese Haltung rechnen? Wie immer im Leben braucht man wohl beides: heiße Leidenschaft und kühlen Verstand. Nur scheint im Fernsehen die Leidenschaft zur Zeit in die Zulieferindustrie von Stefan Raab bis Nico Hofmann abgerutscht zu sein. In den Sendern richtet man sich ein und achtet auf die Gewinnmargen. So kann man sogar ziemlich gut sein. Besser ist, wer nicht nur Gewinn will, sondern gewinnen.

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