Prozess : Geld gegen Sendeplatz

Fall Emig oder „System ARD“? Im Prozess um den ehemaligen HR-Sportchef bleibt der Ausgang ungewiss. Wegen Betrugs, Untreue und Bestechlichkeit muss sich Eming vor Gericht verantworten.

Bernd Gäbler
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Jürgen Emig, der ehemalige Sportchef des Hessischen Rundfunks, muss sich wegen Betrugs, Untreue und Bestechlichkeit verantworten....Foto: dpa

Schon am ersten Prozesstag hat sich Jürgen Emig zur Sache geäußert. Zwar räumte der ehemalige Sportchef des Hessischen Rundfunks (HR) vage eigene Fehler ein, zeigte konkret aber vor allem auf ein „System HR“. So ist es für Deutsche üblich: wenn es um individuelle Verantwortung geht, verweisen sie auf ein System, dem sie doch treu gedient hätten. Aber selbst wenn so vom eigenen Handeln abgelenkt werden soll, es ist etwas dran: der Einzelfall Emig verweist auf ein „System“.

Ein Beispiel, das nicht Gegenstand des Prozesses vor der 12. Strafkammer in Frankfurt ist und der am Dienstag fortgesetzt wird, zeigt wie es funktioniert. Die nordhessische Stadt Fulda feiert ihr 1200-jähriges Jubiläum. Aus diesem Anlass spielt dort der FC Bayern München Fußball gegen Liverpool. Die Übertragung eines solchen Spiels im Dritten Fernsehprogramm würde zwar gute Quoten bringen, aber sie ist auch teuer. Da hilft es sehr, dass sich der Veranstalter des Benefizspiels „zur Erstattung der Lizenzkosten in Höhe von DM 95.000 + MwSt.“ verpflichtet und zusätzlich bereit ist, „für die Übertragung den voraussichtlich anzumietenden Übertragungswagen beziehungsweise Personal in den Bereichen Regie und Aufnahmeleitung sowie Moderation“ zu bezahlen.

So steht es in einem Vertrag vom 15. Juli 1994. Jürgen Emig, der wegen Bestechlichkeit, Betrug und Untreue vor Gericht steht, hatte ihn im Auftrag des HR mit dem Veranstalter Karl-Hubert Zeun ausgehandelt. Solche „Beistellung“ genannte Übernahme von Produktionskosten des Senders durch Dritte sei doch üblich und selbstverständlich legal, verteidigte der damalige Fernsehdirektor Hans-Werner Conrad das Verfahren noch, als gegen Jürgen Emig schon ermittelt wurde. Man kann sich gut vorstellen, dass es zum redaktionellen Konzept einer solchen Übertragung gehört, in der Halbzeit die Jubiläumsstadt kurz filmisch zu porträtieren oder den Bürgermeister freundlich zu befragen.

Im Jahr 1994 hat Emig selbst das Portemonnaie wohl noch nicht aufgehalten; aber bald schon übernahm eine Firma seiner Gattin („Killinger Productions“) solche Vermittlungsarbeit. Nach einer internen Revision wurde Emig im Jahr 2000 vom damaligen Intendanten Klaus Berg auf Interessenkollisionen hingewiesen. Erst daraufhin entstand die „Sport Marketing & Produktion GmbH (SMP)“ mit dem ehemaligen Präsidenten des Tanzverbandes Harald Frahm als Geschäftsführer und Emigs Gattin als stille Teilhaberin. Nur über deren Aktivitäten verhandelt jetzt das Gericht.

Der parallel im Sendegebiet des MDR ähnlich agierende Sportchef Wilfried Mohren wird nicht aussagen. Die Gründe sind naheliegend: Er muss sich nicht selbst belasten.

Das ist noch keine Niederlage für Staatsanwalt Michael Loer; die Konzentration des Verfahrens auf Emig, die Firma SMP und die Jahre 2000 bis 2004 stellt sicher, dass es keine Farce wird. Der Anklage liegen genügend harte Fakten vor, die dokumentieren, wie das bereits 1994 geübte System im Laufe der Jahre perfektioniert wurde. Bei regionalen Sportveranstaltern hatte sich herumgesprochen, dass man im HR Sendezeit kaufen könne oder müsse. Gegen Geld wurde man gut in Szene gesetzt. Am Ende – so sagte Emig vor Gericht aus – seien siebzig Prozent des Sportetats eingeworbene Drittmitteln gewesen. Nicht alles muss schwarz auf weiß festgehalten worden sein, wie beim Städtchen Friedberg, von dem dem Gericht eine bestätigende E-Mail vorliegt. Für ein positives Zwei-Minuten-Filmchen zum „Ironman“ zahlte die Kommune 12 000 Euro. Emig will insgesamt bis zu 20 Millionen Euro für seinen Sender eingeworben haben. Lag es da nicht auf der Hand, dass ihm sein Gehalt von am Ende 104 265,35 Euro plus Familienzuschlag als festangestellter Sportchef allein nicht mehr ausreichte?

Das System des Kreislaufs von Geld und Berichterstattung sah am Ende so aus: Emig warb für die Veranstalter Sponsoren ein, die Veranstalter zahlten dem HR im Gegenzug „Beistellungen“, Emig entschied über Sendeplätze im Sport oder empfahl dem Fernsehdirektor Live-Übertragungen, bei denen gut ins Bild gesetzt wurde, wer gut zahlte. Die Agentur SMP schloss Verträge mit Veranstaltern und Kommunen. Der HR schloss Verträge mit der SMP, bei der so ein Teil des eingeworbenen Geldes als „Provision“ verblieb. Angeblich wusste der HR nichts davon, dass Emig hier mitverdiente. Auf 625 000 Euro summierten sich am Ende die Einnahmen des Ehepaars. In diesem Zusammenhang ist eine Aussage des inzwischen mit Emig heillos zerstrittenen ehemaligen SMP-Geschäftsführers Harald Frahm interessant: Revisoren des HR hätten die SMP-Firmenbücher geprüft und seien eingeweiht gewesen.

Absurd ist vom Radsportveranstalter Bernd Moos-Achenbach zur Entlastung Emigs getroffene Aussage am vergangenen Freitag, das Renngeschehen sei so dynamisch und unvorhersehbar gewesen, dass Emig schon deswegen keine Garantien für bestimmte Kamerapositionen oder Zusagen an Sponsoren habe geben können. Die Plakate, für die der „Rhein-Main-Verkehrs-Verbund“ 60 000 Euro zu überweisen hatte, hingen schließlich genau bei der Bergwertung an der „Kittelhütte“ und die Uhrenmarke „Festina“ (50 000 Euro) war auf dem Feldberg zu sehen. An diesen Kameras musste jeder Fahrer vorbei.

So wurde die Grundidee aller durch Gebühren finanzierten öffentlich-rechtlicher Sender auf den Kopf gestellt. Schleichwerbung und die Aufgabe jedes unabhängigem Sportjournalismus gingen Hand in Hand. Das Gericht prüft den „Einzelfall Emig“. Nach der Schleichwerbung im „Marienhof“, wo sogar Dialoge käuflich waren, stellt der Frankfurter Prozess aber erneut ernste Fragen an die ARD. Über Jahre hinweg, so Emig vor Gericht, sei es durch seine Akquise möglich gewesen, de facto ohne jede Kosten von der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt zu berichten. Dies tat der HR im Auftrag der ARD. Und von dieser Selbstaufgabe zugunsten von PR soll der Fernsehdirektor, der auch noch vernommen werden wird, nichts gewusst haben?

Emig droht mit einem „Enthüllungsbuch“ – für die ARD ist es an der Zeit, eine Antikorruptionskultur zu entwickeln, in der ermuntert wird, wer Dubioses erkennt oder Zwielichtiges ahnt.

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