Medien : Quiz erat demonstrandum

Wissen bringt Geld: Ratefernsehen belohnt das Faktenspeichern – nicht das Denken

Caroline Fetscher

Wer wird Millionär? Einer auf jeden Fall, so viel können wir sofort verraten, und dieser eine heißt Günther Jauch. Auch die anderen aber träumen davon. Deshalb begeben sich Leute bei Jauch oder Jörg Pilawa ins Studio, oder ans Telefon beim Late- Night-News-Quiz von n-tv. Auf einer Art „Heißem Stuhl“ sollen sie dort wie beim Examen Fragen beantworten. Meistens handelt es sich um Multiple Choice Questions. Na, und dann hoffen sie auf ihr Gedächtnis, ihr Glück, um am Ende der Sendung eine Art selbst verdienten Lottogewinn in der Tasche zu haben. Den wollen sie ausgeben für ein Motorrad oder ein Pony, ein neues Badezimmer, eine Kreuzfahrt, eine Kamera, einen Hobbykeller. Für ihren verdinglichten Traum nehmen „die Kandidaten“ den Alptraum solch eines öffentlichen Verhörs im Plauderton auf sich, bei dem sie mit Fragen aller Art beschossen werden, um als Laiendarsteller an einer Komödie des Scheiterns oder einer Triumphstory der Erlösung aus dem materiellen Elend teilzuhaben.

Ob es da um Nebensachen oder Hauptsachen geht, um Zentrales oder Peripheres – egal. Hier, im Quiz, kann absolut alles zur – vermeintlichen – Existenzfrage mutieren, jedes „Einloggen“ und Joker- Verwenden, jeder Blackout, jede Lücke. Welcher Schokoriegel trägt den Namen eines römischen Kriegsgottes? Wie lautet der Vorname der Pop-Sängerin Dion? Wer gewann bei den Olympischen Winterspielen 1976 den Slalom der Damen? Wer war Rasputin? Wer Rapunzel? Wer Rintintin? Mit Rätseln, Raten und Staunen, Nervosität oder Triumph stellen sich die „Kandidaten“ dem Setting, stellen sich bloß oder gut an, und tragen zur Abendunterhaltung von Millionen Zuschauern bei. Fragen über Fragen, und so viele Optionen für die Antworten. Was ist der Name des ersten Buches im Alten Testament? Pink Floyd oder Judas Priest oder Genesis oder Moses Pelham? Subversiv entschied der Kandidat sich für den Rapper: „Es heißt ja das erste Buch Mose – also nehme ich Moses Pelham“. So raten sie vor sich hin, die Sekretärinnen und Lehrer, Chemielaboranten und Reisebüroleiter, mit denen sich Millionen identifizieren können. Quizfrage: Haben Sie bemerkt, dass die Quizfragen und ihr Rahmen, das Fernsehquiz, ihrerseits Antworten sind? Aber ja. Sie treffen nämlich eine Fülle von Aussagen über uns, unser Leben, unsere Zeitgenossenschaft. Und das tun sie, seitdem solche Sendungen wie „The Quiz Kids“ in Großbritannien (1940 bis 1951) das Publikum von der Wirklichkeit abzulenken trachteten. Schon damals ging es um den Jackpot. „Competitive consumerism“ nennt das Soziologin Virginia Mason.

Dem Inhalt der Frage gegenüber ist der Lohn für die korrekte Antwort so gleichgültig, wie das Geld gegenüber dem Gegenstand, den es uns erwerben lässt, weshalb Marx das Geld „allgemeines Äquivalent“ taufte. Geld tauscht sich gegen alles aus, ein philosophisches Buch oder eine Nacht im Bordell – egal. Es schaut nicht hin. Gleichzeitig besitzt es dabei die nette Qualität, nicht zu diskriminieren; der Kunde ist König. Beim Quiz ist derjenige König, der in der Sphäre seiner Synapsen möglichst zahlreiche, vom Kontext meist gelöste, bits und bytes an „Information“ abrufbar hält. Beim öffentlich inszenierten „Wissenstest als Unterhaltung“, so die Definition des Quiz, geht es wie beim Kreuzworträtsel um das Zeittotschlagen, und fast ebenso wenig wie beim Kreuzworträtsel kommt es auf das Begreifen der Inhalte oder Zusammenhänge nicht an, und erst recht nicht auf das Entwerfen neuer Möglichkeiten.

Wir begegnen bei diesen Quizsendungen, die den Verlegern von Nachschlagwerken große Rendite verschaffen, einer aus jeglichem traditionellen Kosmos hinausgeschleuderten und noch in keinen neuen Sinn als den des Einkaufens eingewanderte Fernsehbevölkerung. Suggeriert wird uns zwar, ein jeder „Universalgelehrter“ könne Millionär werden, man müsse nur genug „Daten im Festspeicher“ besitzen, und schon kann man sie in klingende Münze umwandeln. Hier und da assistierten Ex-Millionengewinner bei einer Show und saßen wie ein Kreis der Weisen im Olymp der Szenarios, um dann und wann um Rat angerufen zu werden. Doch gerade mit Weisheit ,und auch mit Wissen, hat das Quiz-Show-Ambiente gar nichts zu schaffen, die von den Göttern so weit entfernt ist wie die Marsfabrik und von der Universitas der Universität so weit wie Mauselöcher. Sinn stiftet die Quizshow, die dem Steinbruch der Realität erratische Fragmente entreißt und zu Fragebrocken verarbeitet, allein indem sie die Umsetzung der Formel Wissen gleich Geld gleich Unterhaltung gleich Geld wieder und wieder nach der gleichen Choreografie inszeniert.

Wir erleben hier Puzzlestücke, Mosaiksteine, aus denen kein Bild wird und werden darf, Unübersichtlichkeit gespeist von der Illusion der Übersichtlichkeit. Diese Illusion bietet ja das Fernsehen, das fensterartig bedeutsame Ausschnitte des Weltgeschehens zu zeigen scheint, und dessen Stereotypien uns in jene Irre führen, die wir dann für Wirklichkeit halten sollen. In der aus Schnipseln, Wortfetzen, „O-Tönen“, fragmentierten Eindrücken zusammengefügten oder eher auseinander strebenden Geschichte richten wir uns ein. Heißt die Berliner Gedächtniskirche im Volksmund „Blaues Auge“ oder „Hohler Zahn“?, lautete neulich in einer Quizshow eine der melancholischsten und zugleich bizarrsten Fragen, die sich ihres Spiels mit dem Inhalt – Gedächtnis, Glauben – nicht einmal am Rand einer Ahnung bewusst ist. Hier muss das Gedächtnis dran glauben.

Früher hockte man in den Familien abends beim „Stadt-Land-Fluss“ oder anderen Ratespielen zusammen, die jetzt auf die öffentliche Bühne transferiert und unter der Leitung des augenzwinkernden, jovialen Quizmasters zur Persiflage des Privaten geraten, während der Quizmaster „uns daheim“ gelegentlich anspricht, und als allwissend imaginiert werden kann, ein lexikalischer Mega-Hallodri, der „alles draufhat“, was der Fall ist, so wie Nachrichtensprecher vor naiven Menschen mitunter als Allwissende auftauchen.

Den Quantensprung vom Heimeligen ins Ferngesehene und gern Gesehene leistet die Quizshow nur nebenbei. Was ist ihr eigentlicher Nutzen? Vielleicht das synthetische Konstruieren von Kontingenz. Was im Alltag Kohärenz erzwingt, vom Konto bis zum Finanzamt, kann offenbar so unerträglich sein, dass Sinn und Entsinnen bedrohlicher erscheinen als das Portionieren und Zerstückeln von Sinneinheiten in sinnlose Sternschnuppen eines entleerten Kosmos. Trist? Keineswegs. Wir erhalten Erkenntnis: Der wahre Millionär ist der Gedankenmillionär. Er kann sein Vermögen nicht zählen, und es geht ihm nie aus.

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