Radio : "Tor! Tor in Berlin“

Verbale Übersteiger, sekundengenaue Pässe, schneller als TV: die Bundesliga-Konferenz im ARD-Hörfunk.

Johannes Gernert
Hillmann
Nikolaus Hillmann vom RBB kommentiert für den eigenen Hörfunk und andere ARD-Wellen. -Foto: Gernert

Es fängt nicht gut an für die Bayern, das Bundesliga-Spitzenspiel im Berliner Olympiastadion. Extra ist Thomas Kattenbeck vom Bayerischen Rundfunk angereist, um nur für seinen Sender live über die Partie der Münchner gegen Hertha BSC zu berichten. Jetzt steht er auf der Pressetribüne, ein Stirnband um die Ohren, und neben ihm versucht ein Techniker die Leitung zu flicken, während sich die Schweinsteigers und Tonis auf dem Rasen positionieren.

Eigentlich wäre das alles nicht weiter schlimm, es gibt ja noch Nikolaus Hillmann, den RBB-Reporter, der die anderen ARD-Anstalten mit Live-Kommentaren für ihre Hörfunkwellen versorgt. Auch bei Hillmann tutet und fiept und rauscht es nur in den Kopfhörern, als eine BR-Technikerin in München verzweifelt versucht, ihn irgendwie auf Sendung zu schicken. „Was machen denn die Bayern da?“, fragt sich Hillmann und lehnt sich kopfschüttelnd zurück. Da sind es noch knapp fünf Minuten zum Anpfiff.

Er hat vorher schon den Hörern von Radio Bremen, vom Westdeutschen und vom Hessischen Rundfunk und RBB-Radio Berlin 88,8 etwas zum Spiel erzählt. Hillmann, 46 Jahre alt, aufgewachsen mit dem Hamburger SV, hat über die Bestbesetzung der Bayern gesprochen und über die Lücken im Mittelfeld der Hertha. Die Hauptnachricht war für ihn aber, dass ein Neuling namens Rodnei bei den Berlinern spielen sollte – offenbar mit dem Auftrag, den Bayern-Star Franck Ribéry zu stoppen. Eine gewagte Idee des Trainers, fand er. Man müsse mal sehen, ob dieser Rodnei, den Lucien Favre da aus dem Hut gezaubert hat, sich als Joker oder als Kaninchen erweist. Ein kleiner verbaler Übersteiger. Manchmal, sagt Hillmann, fallen ihm solche Dinger ein: „Dann hast du eine halbe Sekunde Zeit zu überlegen, ob du es wagst oder nicht.“ Er spielt sprachlich in der Regel eher kontrolliert offensiv. Es gehe vor allem darum, das Spiel ordentlich zu erzählen. „Du bist derjenige, der dem Radiohörer die Bilder malt.“ Zu viele Schnörkel verwirren da nur.

Hillmann hat seine Kopfhörer auf, die Skiunterwäsche und die Thermohosen an, einen dicken Pullover und eine Jacke, die sicher auch für kürzere Arktis-Expeditionen taugen würde. Seine Füßen wärmt ein kleiner Heizstrahler. Auf dem Tisch vor sich, neben dem Fernseher mit dem Live-Bild, der Apfelschorle und den Zigaretten, hat er seine Zettel ausgebreitet. Die Aufstellung, Statistiken zu jedem Spieler, die Kladde für die Notizen zu spielentscheidenden Szenen und Toren, und das wichtigste: sein Plan. Die Bundesliga-Konferenz, die die ARD-Hörfunksender an jedem Samstag-Spieltag übertragen, ist bis auf die Sekunde durchstrukturiert.

Jeder Sender bestellt einen Live-Reporter für einen bestimmten Zeitraum. Von 15 Uhr 31 bis 15 Uhr 32 und 30 Sekunden beispielsweise wird Hillmanns Stimme ins Saarland übertragen. Punkt 15 Uhr 35 zapfen Radio Bremen, NDR und MDR für 45 Sekunden die Leitung an, über die er spricht. Hillmann schaut, während er übers Spiel redet, nicht nur auf den Rasen, sondern auch auf den aufgeklappten Funkwecker vor sich. Außerdem läuft auf einer Stoppuhr die Zeit ab. „Eine Minute ist gespielt, es steht immer noch 0:0“, sagt er und wendet sich um Punkt 15 Uhr 36 für 45 Sekunden den Hörern des Hessischen Rundfunks und des Südwestfunks zu. Ähnliches Fazit. Erst im Laufe des Spiels wird es komplizierter, dann muss er im Kopf behalten, welchen Anstalten er was schon erzählt hat. Wissen die Hessen von dem Tor? Oder sollte das bei der nächsten Schalte nachgetragen werden? „Das muss alles sehr diszipliniert laufen“, sagt Hillmann, „sonst gibt es Kuddelmuddel.“ Die Technik macht manchmal schon genug Schwierigkeiten. Mittlerweile kann auch BR-Kollege Kattenbeck seine Einschätzungen im fränkischen Dialekt störungsfrei in die bayerische Heimat übertragen.

Nikolaus Hillmann sitzt, wenn er spricht, nach vorne gebeugt, die Hände gefaltet, das Spielfeld fixiert. Als Bayerns Mittelstürmer Luca Toni ausgewechselt wird, streicht er dessen Namen durch, und macht einen Kringel um Landon Donovan, den Neuen. Wer gelb kassiert, wird bei Hillmann gelb markiert. „Also viel ist hier noch nicht los“, meldet der RBB-Reporter den hessischen Hörern um 15 Uhr 46 und 19 Sekunden.

An diesem Tag haben nicht nur die Bayern ein wenig Pech, sondern auch Hillmann, der vor 15 Jahren mit Basketball anfing und seit ungefähr acht Jahren als Reporter bei Fußballspielen arbeitet. Denn er gibt das Headset für die Konferenz, bei der die Kommentatoren aus allen Stadien für einige Minuten zusammengeschaltet werden und durcheinander rufen dürfen, an seinen Kollegen Guido Ringel ab, der nebenan sitzt und für das RBB-Inforadio kommentiert. Bei der Bundesliga-Konferenz gehen die angeschlossenen Funkhäuser in die Vollen. Es ist Ringel, der am Ende der ersten Halbzeit „Tor, Tor, Tor, Tor“ schreien darf und „Ich muss unterbrechen“, als der Ball kurz zuvor so „lange, lange, lange in der Luft“ war, bevor Woronin ihn ins Tor köpft. Hillmann vermerkt das 1:0 schweigend in seiner Kladde und markiert es rosa.

Auch das „Tor! Tor in Berlin“, das Hertha den Sieg bringt, darf wieder Ringel in die Runde rufen. Der Ausgleich der Bayern war gefallen, als keiner der beiden auf Sendung war. Das sei natürlich recht unbefriedigend, sagt Hillmann, Tore nacherzählen. „Das Tollste ist immer, live drauf zu sein.“

Bei einem der nächsten Spiele ist auch er wieder mal dran mit einer Schaltkonferenz. Hillmann und Ringel wechseln sich ab. Dieser Live-Kick macht für Hillmann den Spaß aus, die Stimme hochziehen, schneller werden, die Aktionen auf dem Platz zu präzisen Schlagwortsätzen verknappen – und zwischendurch auch mal die Geschwindigkeit rausnehmen. Als würde man als Spieler auf den Ball treten. Langsamer werden. Dann neue Spannung aufbauen. Und plötzlich vielleicht wieder losbrüllen, weil jemand einen unerwarteten, genialen Pass gespielt hat. Das Großartige daran, findet er: Der Schrei kommt schneller beim Radiohörer an als beim Premiere-Zuschauer. Das Fernsehbild ist immer noch einen Tick langsamer.

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