Medien : ran: Kontrollierte Offensive

Joachim Huber

Die Kirch-Gruppe geht in die Offensive, um die Fußballfans wieder für sich und seine Fernsehsender zu gewinnen. Die Bundesliga-Sendung "ran" beginnt nach dem 20 Uhr 15-Quotenflop ab 8. September um 19 Uhr, die Preise für den Pay-TV-Sender Premiere World werden leicht reduziert. Damit reagiert die Kirch-Gruppe, der die Fernsehrechte der Bundesliga bis 2004 gehören, auf den "ran"-Boykott durch die Zuschauer und den schleppenden Verkauf der Premiere-Abonnements.

Zum Thema Online-Umfrage: Geht Kirch mit Premiere endgültig baden? Die neue "ran"-Sendung läuft nur noch 75 Minuten. Zuletzt hatte die Bundesliga-Zusammenfassung zwei Stunden gedauert. "Mit der Rückverlegung der Anfangszeiten sind wir auf den überwältigenden Wunsch der Fans eingegangen," erklärte DFL-Präsident Werner Hackmann. Von jedem der sieben Spiele sollen weiterhin mindestens sechs Minuten gezeigt werden. Die Regelung soll zunächst bis Saisonende gelten. Damit hat der Bundesliga-Fußball im frei empfangbaren Fernsehen in der Prime-Time zugleich wieder dem Familien-Programm Platz gemacht. Die zweiwöchige Bundesliga-Pause wegen der ersten Runde im DFB-Pokal und des WM-Qualifikationsspiels gegen England am 1. September soll nun zur Ausarbeitung des neuen Konzepts genutzt werden.

Mit der Bekanntgabe der neuen Sendezeit durch die Deutsche Fußball Liga GmbH (DFL) am Montag in Frankfurt ist das "ran"-Experiment endgültig gescheitert. Schon der dritte Spieltag brachte einen Quoten-Tiefstand von 1,68 Millionen Zuschauern, am vergangenen Samstag hatten 1,76 Millionen Menschen die Sendung eingeschaltet. Gegen Spielfilme oder Volksmusik der Konkurrenz-Sender hatte "ran" regelmäßig deftige Niederlagen einstecken müssen. Im Schnitt der vergangenen Spielzeit hatten noch knapp fünf Millionen Menschen die Bundesliga-Berichte gesehen.

Überlegungen, vor dem Abendprogramm von 19 Uhr 30 bis 20 Uhr 15 lediglich eine kompakte Zusammenfassung und ab 22 Uhr Hintergründe, Analysen und Interviews in Sat 1 zu präsentieren, scheiterten an dem bestehenden Vertrag mit dem ZDF, das die Zweitverwertungsrechte hat und dafür 38 Millionen Mark an Kirch überweist. Das ZDF berichtet in den "heute"-Nachrichten um 19 Uhr und fasst im "Sport-Studio" gegen 22 Uhr den Spieltag zusammen.

"Das Experiment ist gescheitert. Die ganze Diskussion hat dem Fußball geschadet. Wir waren zum Handeln gezwungen", sagte Hackmann. Über weitere Veränderungen in der nächsten Saison müsse aber noch geredet werden. Der DFL-Präsident plädierte dafür, auf den Sonntag als Spieltag ganz zu verzichten und stattdessen den Freitag wieder ins Auge zu fassen.

Nach seinen Angaben hat mit der Rückverlegung von "ran" auch der alte Vertrag der ARD mit der Kirch-Gruppe Bestand. Danach kann die ARD in der "Tagessschau" um 20 Uhr von drei Spielen Kurzberichte von maximal 90 Sekunden Länge zeigen. Dies bestätigte auch ARD-Sprecher Rüdiger Oppers, der darauf hinwies, dass die künftige "ran"-Sendung bis 20 Uhr, Startpunkt der "Tagesschau", mit der Bild-Berichterstattung zur Bundesliga "durch sein muss".

"Wir wollen kompakter und schneller werden und Fußball pur bieten", sagte Sat 1-Geschäftsführer Martin Hoffmann. Dabei ändert sich nicht nur Anfangszeit und Dauer. In Zukunft soll "ran" ohne Studiobesucher aufgezeichnet werden. Ein Quotenziel für den neuen Sendetermin wollte bei Sat 1 niemand nennen. Urs Rohner, Vorstandsvorsitzender der ProSiebenSat 1MediaAG, sagte: "Wir sind davon überzeugt, dass wir die richtigen Schlüsse aus den Erfahrungen der letzten vier Wochen gezogen haben."

"ran"-Frontmann Jörg Wontorra ist sich "ganz sicher, dass keine große Beschädigung zurückbleibt". Fans hätten ihm in Gesprächen versichert, dass der Protest sich allein gegen die Uhrzeit, nicht aber gegen die Sendung oder den Moderator gerichtet habe. "Da wird nichts zurückbleiben", hofft Wontorra.

Mit der "ran"-Vorverlegung ist - zumindest vorerst - Kirchs Konzept gescheitert, mit einer späteren Ausstrahlung im frei empfangbaren Fernsehen neue Kunden für das Pay-TV zu finden. Medienexperten vermuten, dass der Boykott der Fußballfans nicht nur "ran" geschadet, sondern zugleich auch Premiere nicht den erhofften Schub gebracht hat. Die Abonnentenzahl des Senders, der mit Defiziten in Milliardenhöhe zu kämpfen hat, beläuft sich auf 2,4 Millionen. Nach Aussage von Premiere-Chef Manfred Puffer ist darin ein Anstieg von zehn Prozent binnen Jahresfrist enthalten.

Mit leicht reduzierten Preisen und einem auf zwei Sport-Varianten abgespeckten Programm will Premiere World neue Kunden finden. Für 29,34 Mark monatlich gibt es vom 1. Oktober an ein so genanntes Basic-Paket. Für Fußballfans gibt es darin allerdings nur die einstündige Zusammenfassung der Fußball-Bundesliga um 17 Uhr 30. Daneben enthält dieses "Schnupper-Angebot" auch Live-Übertragungen vom Eishockey, Boxen und American Football. "Damit erleichtern wir den Einstieg ins digitale Abonnementfernsehen", sagte Puffer.

Wie das defizitäre Tochter-Unternehmen der Kirch-Gruppe am Montag in Hamburg weiter mitteilte, entfällt das Pay-per-view-Angebot im Fußball. Stattdessen wird ein Sport-Paket für 68,45 Mark im Monat angeboten, das Live-Berichte von allen Bundesligapartien enthält. Bei einem Einjahresvertrag kostet das komplette Bundesliga-Angebot nicht mehr 1006,60 Mark, sondern 821,45 Mark. Bei Abschluss eines Zweijahresvertrages kostet die komplette Liga-Berichterstattung jährlich 704,10 Mark.

Das Sportpaket enthält neben der Bundesliga auch sämtliche Spiele der Champions League und die 64 Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea. Ferner will der Pay-TV-Sender bei den Olympischen Winterspielen 2002 von allen Entscheidungen live berichten.

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