Ranga Yogeshwar in Fukushima : Japans scheiternde Helden

Ranga Yogeshwar drehte für eine ARD-Dokumentation in der Reaktor-Anlage von Fukushima. Dabei kam er sich vor wie "im Gehirn eines Komapatienten".

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Sicherheitsvorkehrungen. Gedreht werden konnte nur in Schutzanzügen. Foto: ARD
Sicherheitsvorkehrungen. Gedreht werden konnte nur in Schutzanzügen.Foto: ARD

Das nennt man wohl Sisyphusarbeit: Ein Arbeiter im Schutzanzug schmirgelt mit einer kleinen Drahtbürste an einem Mäuerchen herum. Feiner Staub wirbelt durch die Luft, mit einem Schwamm wird die Mauer an den bearbeiteten Stellen abgewischt. In Handarbeit sollen hier die Folgen der Reaktor-Katastrophe von Fukushima beseitigt werden. Eine bizarre Szene aus der Geisterstadt Tomioka in Japan, gut drei Jahre nachdem ein Erdbeben und der darauf folgende Tsunami zu dem nach Tschernobyl größten Unfall in der Geschichte der Kernenergie führten. Wie viele Mäuerchen gibt es wohl in Tomioka und in den anderen Orten der „orangen Zone“? In der Landschaft breiten sich Halden aus schwarzen Säcken aus. Darin der von zehntausenden Arbeitern abgetragene verseuchte Boden.

Ranga Yogeshwar, der mit seinem Team im Juli und im September vor Ort war, nennt es „geradezu gespenstisch, wie hier ein Land um den Erhalt der Heimat kämpft“. Schwer beeindruckt war der Moderator und Wissenschaftsjournalist von der „ungeheuren Gewissenhaftigkeit“ der Japaner. Allerdings sprengt die Aufgabe die Grenzen menschlicher Vorstellungskraft. „Das kriegen sie nicht hin“, sagt Yogeshwar und bezeichnet die Japaner deshalb als „scheiternde Helden“.

Yogeshwar und sein Team drehten als erste Journalisten in der Reaktor-Anlage

Im Film bleibt er zurückhaltender – und stärker im Hintergrund, als man es wegen des Sendetitels erwarten durfte. Hier sprechen die Bilder häufig genug für sich, und auch wenn Yogeshwar mit seinem Dosimeter oft vor der Kamera von Rüdiger Spott auftaucht, transportiert die Reportage keinen seiner üblichen Selbstversuche, sondern anschauliche Informationen. Und in der Tat eine gespenstische Atmosphäre. Es gibt ein paar Grafiken und Animationen, doch Yogeshwar ist weniger faktenkundiger Experte als Reporter, der die Situation vor Ort in Augenschein nehmen und schildern möchte.

Gedreht wurde nicht nur in der „orangen Zone“, aus der die Menschen evakuiert wurden und in der man sich nur tagsüber für einige Stunden aufhalten darf, sondern auch in der Reaktor-Anlage selbst. Als erstes Team überhaupt habe man sich dort „relativ frei“ bewegen dürfen, betont Yogeshwar, der sich seit 2011 um eine Drehgenehmigung bei der Betreiberfirma Tepco bemüht hatte. Soll heißen: Bisher seien Journalisten nur in Gruppen über das Gelände gefahren worden. Nun also gibt es Bilder von den verbliebenen Brennstäben im Abklingbecken in Block 4. Oder vom Kontrollraum in Block 1, wo die Verantwortlichen die Explosion in der eigenen Anlage für ein Nachbeben hielten, weil die Anzeigen nicht funktionierten. Yogeshwar kam es dort vor wie im „Gehirn eines Komapatienten“. Zu sehen sind die Zerstörungen, die das Wasser auf dem Gelände anrichtete, und die riesigen Tanks, in denen das kontaminierte Wasser gesammelt wird. 800.000 Kubikmeter müssen täglich zur Kühlung der Brennstäbe durch die Anlage gepumpt werden.

Ob das Bildmaterial wirklich so „weltexklusiv“ ist, wie Matthias Kremin, Programmbereichsleiter Kultur und Wissenschaft beim WDR, behauptet, lässt sich schwer nachprüfen. Der Sender jedenfalls ist mächtig stolz; Kremin nennt seine eigene Redaktion „die beste in der ARD“. Daran stimmt zumindest, dass Yogeshwar bereits nach der Katastrophe im März 2011 ein gefragter Mann im TV war, der das Thema auch bei „Quarks & Co.“ aufbereitete und nun mit dieser Reportage daran anknüpft. „Die Halbwertszeit der Medien ist relativ kurz“, sagt er. Was er, da manche schon wieder von Laufzeitverlängerung reden würden, für gefährlich hält.

Die Dokumentation erinnert an einen Science-Fiction-Albtraum

Fukushima Daiichi ist heute ein „gigantischer Industriekomplex“ (Yogeshwar) mit 6000 Arbeitern. Die Schichten dauern wegen der Strahlung aber nur zwei Stunden. Yogeshwar, selbst Physiker, hat allerorts fleißig – und häufig hohe – Werte gemessen. Dennoch haben er und sein Team bei den Dreharbeiten in der havarierten Anlage nicht mehr Strahlungsbelastung aufgenommen als während des Hin- und Rückflugs von Deutschland nach Japan. Und Tepco? Der vielfach kritisierte Kraftwerks-Betreiber sei mittlerweile „wahrscheinlich ein anderes Unternehmen“, meint Yogeshwar. Es sei durch den häufigen Kontakt ein gewisses Vertrauensverhältnis entstanden; am vergangenen Freitagabend kam ein hochrangiger Tepco-Vertreter zu einer öffentlichen Preview des Films in Düsseldorf.

Yogeshwar enthält sich im Film eines Kommentars zu Tepco, doch beschönigend wirkt sein Lagebericht keineswegs. Er erinnert bisweilen an einen wahr gewordenen Science-Fiction-Albtraum. In den kommenden Jahren hätten die Sanierer mit dem kontaminierten Wasser zu kämpfen, erst dann beginne der schwerste Teil, sagt er: „Man muss heran an die zerstörten und geschmolzenen Brennstäbe, und das wird Jahrzehnte dauern.“ Der Kampf sei noch lange nicht gewonnen.

„Ranga Yogeshwar in Fukushima“; ARD, Montag, 3. November, 22 Uhr 45

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