Medien : Renate Wallert: Doppeltes Opfer (Kommentar)

Tom Peuckert

Abends um halb sechs gehen die Bilder noch roh über den Sender. Alles Material, was seit der Freilassung der Geisel aufgelaufen ist, wird unverzüglich in die mediale Umlaufbahn geschossen. Eine Stunde später, im Boulevard-Magazin, ist bereits die Hand eines Regisseurs spürbar. Nun sinkt die Geisel in leichter Slow Motion an die Schulter ihres Befreiers, es ist der Moment, in dem sich die Tränen lösen, das wird am Bildcomputer raffiniert verlängert. Die Montagen sind kontrastreicher: Nahaufnahmen des Gesichtes, erschöpftes Stammeln, Tränen. Auch Musik liegt jetzt unter den Bildern. Die Moderatorin spricht von Freude und Glück. Im folgenden Filmbericht wird das Verhalten der befreiten Geisel beschrieben: "Sie kann sich kurz frisch machen. Dann fühlt sie sich schon kräftig für das erste Interview". Schon? Die Medien haben gerade diese Person zur Hauptfigur ihres Dramas gemacht, weil sie gestochen scharfe Bilder vom Leid einer Geisel lieferte. Kurz nach Bekanntwerden der Entführung hat ein deutscher Privatsender mit dem Sohn der Geisel einen Exklusivvertrag abgeschlossen. Auch heute, nach Renate Wallerts Freilassung, widmen sich dem Thema sämtliche Medien, ob gedruckt oder elektronisch, in aller Ausführlichkeit. Auch der Tagesspiegel.

Eine ergraute Musiklehrerin, protestantisch, von den Schrecknissen psychisch überfordert war die Schwächste unter den Opfern, das haben die Kameras immer wieder schonungslos gezeigt. Eines Tages wurde im Fernsehen eine Mitgefangene zitiert, die ihr Schauspielerei vorwarf. Solche Ambivalenzen passten gewiss ins Sendekonzept. Vor etwa vier Wochen brachte das Nachtradio der ARD eine denkwürdige Spitzenmeldung. Zuzüglich zu den bereits bekannten körperlichen Beschwerden, sagte der Nachrichtensprecher mit sonorer Stimme, leide die Geisel nun auch noch unter Durchfall. Dies schien der Extrempunkt einer medialen Diarrhoe. Ein Mensch wird zum Opfer eines Verbrechens. Und zugleich, weil die Verbrecher es ermöglichen, mutiert das Opfer zur Ware auf den Marktplätzen der Medienindustrie. Die schützende Hülle seiner Privatheit löst sich auf, über Nacht ist sein Name in den Mündern von Millionen, am Ende wird stündlich über den Zustand seiner Eingeweiden informiert. Das Opfer hat nicht die geringste Chance, dagegen etwas zu unternehmen. An der Tür seiner Kinder klingeln Agenten mit Exklusivverträgen, die vorm allgemeinen Medienansturm schützen sollen, aber natürlich auch die Pflicht zur Transparenz mit sich bringen. Ihre Gefühle, heißt es im Kleingedruckten, gehören nun uns. Ein Mensch verliert im doppelten Sinne seine Freiheit. Als Geisel und als öffentliche Person wird er zur Dispositionsmasse fremder Interessen.

Ein sterbendes Tier entzieht sich Blicken. Wir müssen spätestens seit Gladbeck damit rechnen, dass unser Untergang als Spektakel zur besten Sendezeit ausgestrahlt wird. In den nächsten Tagen läuft jede der Tränen in Endlosschleifen. Das schnelle Abtauchen verbietet der Exklusivvertrag. Der einzige Trost, der dem Opfer bleibt, ist das Tempo, mit der die Waren auf dem Medienmarkt umgeschlagen werden.

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