Medien : Robin Hood, jetzt Rentner

2030 ist jeder dritte Deutsche über 60: Ein Doku-Drama spekuliert über Folgen

Thomas Gehringer

Ein Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst von einer vergreisten Republik. Im Jahr 2030 beträgt die staatliche Einheitsrente 560 Euro. Das Renteneinstiegsalter liegt bei 70 Jahren. Ein Drittel der Rentner ist verarmt. Die Dörfer sind entvölkert, in den Städten leben obdachlose Senioren in Notunterkünften, zum Beispiel in den mangels Kultur-Subventionen geschlossenen Theatern. Gesundheitsministerin Petra Kerzel, die aussieht wie eine Kreuzung aus Angela Merkel und Ulla Schmidt, hat den Generationenvertrag längst aufgekündigt. Immer mehr Senioren werden kriminell, bringen sich um oder werden zum „sozialverträglichen Frühableben“ überredet. Sterbehilfe bei 80-Jährigen bezahlt die Krankenkasse gerne, ein neues Hüftgelenk eher nicht. Man kann sich als Rentner auch privaten Unternehmen anvertrauen. Der Konzern „Prolife“ sorgt dafür, dass die lästigen Alten ihre letzten Jahre kostenneutral für den Staat verbringen. Klassenkämpfe waren gestern, nun tobt der Generationenkampf. So stellt sich das ZDF im Dreiteiler „2030 – Aufstand der Alten“ das Leben in gut 20 Jahren vor.

Nichts gegen unterhaltsame Schwarzmalerei. Das Fernsehen hat – zum Beispiel mit Wolfgang Menges „Smog“ und „Das Millionenspiel“ – schöne Beispiele dafür geliefert, dass clevere Zukunftsszenarien erfrischenden Diskussionsstoff bieten können. Und ein bisschen Provokation täte wahrlich gut im ermüdenden Reformgezerre der großen Koalition. „Smog“ und „Millionenspiel“ haben jedoch wichtige Themen vorweggenommen, „2030“ kommt im Grunde schon einige Jahre zu spät: Altersarmut, Verwahrlosung in Pflegeheimen, Zwei-Klassen-Medizin, das ist alles bereits mehr oder weniger Realität. Die „Doku-Fiktion“ von Jörg Lühdorff dreht die Schraube einfach weiter, bis Rentner nur noch auf Minimalversorgung außer Sichtweite der Gesellschaft zählen dürfen. Wer nicht mehr zahlen kann, wird buchstäblich in die Wüste geschickt – Rentner als Wohlstandsmüll in der Dritten Welt. „Eine mögliche Situation“ nennt das Produzentin Regina Ziegler. „Alles, was in dem Film behauptet wird, ist denkbar“, behauptet ZDF-Redakteur Heiner Gatzemeier.

Es kommt nicht so sehr darauf an, wie wahrscheinlich dieses Szenario ist. Nimmt man das Schlimmste an – keine steigenden Geburtenzahlen, zu wenig Zuwanderung, politische Tatenlosigkeit, desinteressierte Wähler – dann mag es so oder so ähnlich kommen. Das ZDF will aufrütteln, will auf die Dringlichkeit des Problems hinweisen, „das sich zu einem Riesenskandal ausweiten kann, wenn nicht rechtzeitig etwas getan wird“, sagt Chefredakteur Nikolaus Brender.

Der Sender traut sich was. Doch ähnlich wie beim „Tag X“ vor zwei Jahren, bei dem ein Terroranschlag auf Berlin durchgespielt worden war, sind die Mittel auch nur bedingt tauglich. Trotz einiger hübscher Ideen bei Ausstattung und Design trägt die fiktive Geschichte bei weitem nicht über die dreimal 45 Minuten. Und das ebenso attraktive wie prominente Gesicht von Bettina Zimmermann („Die Luftbrücke“) dient zwar als Publikumsköder, doch die von ihr verkörperte Figur der rastlosen Reporterin Lena Bach ist Klischee und Langeweile pur.

Bach recherchiert die Hintergründe einer Geiselnahme, bei der der Rentner Sven Darow (Jürgen Schornagel) den Vorstandsvorsitzenden von Prolife bedrohte und beide schließlich durch eine Handgranate ums Leben kamen. Die fiktionale Robin-Hood-Geschichte vom kämpferischen Rentner wird formal wie eine Dokumentation erzählt. Logisch ist es jedoch nicht gerade, dass Lena Bach zwar für das Publikum von 2030 arbeitet, aber irgendwie auch den Zuschauern von 2007 die Entwicklung der vergangenen Jahre erklären muss. Außerdem wirkt es zunehmend peinlich, wenn Schauspieler den Mann oder die Frau von der Straße mimen und bei Reporterinterviews auswendig gelernte Drehbuchsätze aufsagen. So schleppt sich der Dreiteiler etwas ungelenk bis zum Finale. Das vorherzusagen ist leicht, denn wie es ausgeht, zeigt Lühdorff seltsamerweise gleich zu Beginn: Der Bundeskanzler tritt zurück. Er wird wohl in Rente gehen, der Arme.

„2030 – Aufstand der Alten“ ,

ZDF, 20 Uhr 15, Teil 2 am Donnerstag, Teil 3 am nächsten Dienstag

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