Medien : Rokoko? Oder doch eher Punk?

Der Vierteiler „Was war links?“ beschreibt die Lebensstile der 68er-Generation

Harald Martenstein

Der Dichter Robert Gernhardt wird in diesem Film gefragt, warum er sich als einen Linken bezeichnet. Sogar heute noch! Gernhardt antwortet, dass er sich diese Frage gelegentlich selber stelle und die Antwort nicht wisse. Er spüre aber immer wieder, dass er kein Rechter sei. Er müsse ein Linker sein, weil er kein Rechter ist: Eine bessere Definition falle ihm leider nicht ein.

„Was war links?“ Unter diesem Titel hat Andreas Christoph Schmidt für den SFB und den SWR eine „historische Revue“ gedreht. Außergewöhnlich ist das Projekt schon wegen des Aufwands – zwei Jahre Dreharbeit, vier Teile, vier Stunden. Schmidt konzentriert sich auf die Zeit, in der zum vorerst letzten Mal ein im klassischen Sinn linkes Weltbild entstanden ist, die Zeit um 1968.

Es ist also eine Lebensbilanz der heute tonangebenden Generation und die Bilanz eines Jahrhundertprojekts, erzählt aus einer Position der sympathisierenden Distanz. Schmidt hat die alt gewordenen Helden des SDS befragt, die linken Unternehmer Bernd Lunkewitz und Klaus Zapf, den Adornoschüler Rüdiger Safranski, den Ex-Linken Martin Walser, Katharina Rutschky und Barbara Sichtermann. Er betritt auch die geistigen No-Go-Areas, die verbotenen Zonen, er redet mit dem Historiker Ernst Nolte und mit dem Exterroristen Horst Mahler, der heute bei der NPD sein Zelt aufgeschlagen hat. Noch ein bisschen interessanter sind die Bilddokumente, die Schmidt ausgegraben hat: Interviews mit Jean-Paul Sartre und Ulrike Meinhoff, historische Auftritte der Philosophen Marcuse, Lukacz und Horkheimer, der Liedermacher Walter Mossmann und Franz Josef Degenhardt, Horrorszenen der chinesischen Kulturrevolution. Schmidts Dokumentation ist weder eine Abrechnung noch verbreitet sie Nostalgie. Dass der Grundton ein eher ratloser ist, liegt nicht am Autor, sondern in der Natur der Sache.

Was war links? Die Antwort besteht aus einem Bündel von Widersprüchen. Linke sind zum Beispiel für das Prinzip „Natur“, weil sie in der Natur die Gleichheit und den Urkommunismus vermuten. Die Linken sind grundsätzlich frech und antiautoritär – aber reagieren mit Härte, wenn die Frechheit sich gegen sie selber kehrt. Die Linken sind für Freiheit und Gleichheit, aber es ist ihnen nie gelungen, den Widerspruch zwischen diesen beiden Werten befriedigend aufzulösen.

Das war links: Ein Bündel nie zu Ende gedachter Widersprüche. Eine Haltung, die zwar zur Praxis nicht taugte, aber ein attraktives Lebensgefühl hervorgebracht hat, einen allen geistigen Konkurrenten überlegenen politischen Stil – emotionsbetont, scheinbar frei, lustbejahend, wild. Wer Schmidts Film gesehen hat, begreift auch die Schwierigkeiten der heutigen Spitzenpolitiker, soweit sie aus der 68er-Ecke kommen. Sie beherrschen die Form, ihre Performance ist immer noch die beste, aber sie wissen beim besten Willen nicht, was sie tun sollen. „Links“ war 1968 offenbar ein kultureller, kein politischer Begriff, ein Stil, wie Rokoko oder Art Deco oder Punk. Erst heute merkt man es. Robert Gernhardt hat Recht.

Erster Teil: SFB 1, 18. Februar, 22 Uhr 15. Zweiter Teil: 19. Februar, 22 Uhr 45. Dritter Teil: 25. Februar, 22 Uhr 15. Letzter Teil: 26. Februar, 22 Uhr 45.

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