Medien : RTL 2: Leibesübungen

Thomas Gehringer

In einem Werbefilm von RTL 2 läuft Margarethe Schreinemakers fortwährend lächelnd durch ein verschlafenes Städtchen. Nach einer Weile zieht sie einen ganzen Schwarm von Menschen hinter sich her, die bei ihrem Anblick alles stehen und liegen lassen. Was sagen uns diese Bilder? Dass es ein pures Vergnügen ist, mit Margarethe Schreinemakers zu joggen? Dass die Deutschen gerne vor der Arbeit davonrennen? Oder dass privates Fernsehen nach der Methode des Rattenfängers von Hameln funktioniert? Ach nein, es ist nur der Start der neuen Fernseh-Show "Big Diet". Am heutigen Sonntag (20 Uhr 15) löst Margarethe Schreinemakers, die sich bei ihrem TV-Comeback als pausenlos gut gelaunte Botschafterin von Fitness und Fettarmut präsentiert, den Startschuss für einen neuerlichen TV-Marathon aus dem Produzenten-Hause Endemol aus.

Zwölf mit bis zu 30 Kilogramm Übergewicht bepackte Kandidaten, sechs Frauen und sechs Männer, stellen sich in einer zweistündigen Show dem Publikum vor und vor dem Publikum auf die Waage, legen anschließend ein Zielgewicht für das 105-tägige Abspecken vor den TV-Kameras fest und beziehen dann ihr Quartier auf einem 750 Quadratmeter großen Gelände (inklusive Garten) in Köln-Ossendorf. Jeden Tag zeigt RTL 2 zur besten Sendezeit einen Zusammenschnitt der Ereignisse in der, laut Eigenwerbung, "luxuriös konzipierten big-diet-location". Und in der letzten Sendung, am 9. September, werden jeweils ein Mann und eine Frau zu Siegern gekürt, weil sie ihrem Zielgewicht am nächsten gekommen sind.

Kann das gut gehen? RTL 2 preschte mutig vor, als der Berliner Privatsender Sat 1 in den Verhandlungen mit Endemol um die "Big-Diet"-Rechte zögerte - angeblich wegen mangelnder Resonanz bei den Werbekunden. Doch mittlerweile hat sich ein großer Teil des Publikums an Sendungen mit dem Vornamen "Big" satt gesehen - weshalb sich der große Bruder RTL bereits eine Fastenzeit in Bezug auf Real-Life-Formate verordnet hat. RTL 2 gibt sich nun wenigstens große Mühe, seine besten Absichten zu betonen: Die Kandidaten sollen nicht hungern und sind auch nicht eingesperrt, sondern werden von einem ganzen Expertenrudel zu fettarmer Kost und viel Bewegung animiert. Den in Gold aufgewogenen Gewichtsverlust der beiden Sieger gibt es zur Hälfte nach dem Ende des Fastenmarathons, die andere Hälfte gibt es erst am Ende des Jahres. Voraussetzung ist, dass bis dahin das Gewicht gehalten wurde. Und die Kameras in Waschräumen und Toiletten dienen angeblich nur zur Kontrolle der Kandidaten und sollen keine Bilder für Voyeure liefern. Das Real-Life-Fernsehen ist auch nicht mehr das, was es mal war.

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