Satire-Website : Zu schön, um wahr zu sein

Wie das Berliner Online-Magazin „Kojote“ mit Falschmeldungen Nachrichten macht.

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Seriös zu sein, behauptet das Magazin „Kojote“ von sich. Das ist so ironisch gemeint wie auch die Texte auf der Website. Viele Leser fallen trotzdem drauf rein. Screenshot: Tsp
Seriös zu sein, behauptet das Magazin „Kojote“ von sich. Das ist so ironisch gemeint wie auch die Texte auf der Website. Viele...

Eine Meldung ging um: auf Facebook, über Twitter und wurde schlussendlich von einem Nutzer beim Online-Portal jetzt.de der „Süddeutschen Zeitung“ eingestellt: „Mann mit Nerd-Brille in Mitte löst Post-Chaos aus!“ Der Betrieb in dem Berliner Briefeverteilzentrum sei zusammengebrochen, nachdem innerhalb weniger Stunden über 10 000 Briefe eingeliefert worden seien. Grund dafür sei die Suchanzeige einer Stadtmagazin-Leserin gewesen, die mit einer Chiffreanzeige nach einem Mann Anfang 20 mit Retro-Brille gesucht habe, der in einem Café in Mitte an einem iBook gearbeitet und ihr von seinem neuen Projekt erzählt habe. 13800 Leser hätten sich von der Annonce angesprochen gefühlt.

Die Meldung klingt glaubhaft und lustig. Doch sie ist falsch. Ein Klick auf den weiterführenden Link bei jetzt.de führt auf die Seiten von „Kojote – Deutschlands seriösestem Nachrichtenmagazin“. Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Seite bekommen aufmerksame Leser jedoch spätestens bei der Meldung über einen Touristen in Berlin, der so wagemutig ist, dass er ohne Bierflasche in der Hand durch den Bezirk Mitte gelaufen ist.

Den „Kojoten“ hat Bernhard Pöschla erfunden, denn Pöschlas Passion ist die ironische Schreibe. Seit wenigen Wochen ist der 46-Jährige mit der privaten Satire-Seite online. Als freier Autor war er bisher unter anderem für den „Eulenspiegel“ tätig, während er hauptberuflich einem Bürojob in Berlin nachgeht. Mehr will Pöschla aber über sein Privatleben nicht verraten – außer, dass er mit seiner Schreiberei einen Ausgleich von der trockenen Verwaltungsmaterie in seinem Job gefunden hat: „So mache ich mir den Kopf frei.“

Weil er seine Texte nicht mehr einfach nur verkaufen, sondern sein eigener Chef sein wollte, hat Pöschla mit „Kojote“ kurzerhand selbst ein Online-Magazin gegründet. Etwa 30 Euro koste ihn die Website monatlich, in die Technik und Programmierung habe er sich eingearbeitet.

Pöschlas ironische Texte bestehen aus sogenannten fake news, überspitzten Zeitungsmeldungen, wie sie auch das Online-Satiremagazin „Postillon“ oder die „heute-show“ im ZDF verwenden. Der Stil, bei der die Komik auf Sachlichkeit basiere, stammt aus dem angelsächsischen Raum, sagt Pöschla. „Um mich von anderen Seiten abzugrenzen, verstehe ich meine Website als eine Art Lokalteil, mit dem ich nah an die Leser herankomme.“

Ob Google Street View, die „Uniform“ der Berliner Szene-Mitglieder oder Sicherheitsprobleme mit dem neuen Personalausweis, die man mit lediglich 87 dringend benötigten Sicherheitsupdates lösen könne. Die Meldung „Stresstest für Bahnhöfe“ erklärt die sogenannte „Mehdorn-Skala“, die unter anderem vorgibt, wie viel Prozent der Fahrgäste die Lautsprecherdurchsagen auf Bahnhöfen verstehen dürften. Ein Cocktailrezept für Melancholiker gibt es für diejenigen, die zuverlässig jeden Gedanken an weihnachtlichen Frohsinn vertreiben wollen.

Pöschlas Ideen kommen bei den Lesern offenbar gut an. Fast 1000 Fans verzeichnet seine Facebook-Seite inzwischen. Dass sich seine Postmeldung in wenigen Tagen derart schnell verbreiten würde, habe er nicht gedacht. An die 50 000 Mal sei sie nach der Meldung angeklickt worden. „Die Nachricht hat sich über Twitter verbreitet, wurde weiter getragen und hat so Leute auf meine Seite gebracht“, sagt Pöschla.

Dass einige Leser die Ironie dahinter nicht verstanden hätten, sei keine Absicht gewesen. Eine Falschmeldung habe er nicht verbreiten wollen. Sogar ein Fernsehsender, dessen Namen er nicht verraten will, habe sich bei ihm gemeldet. „Sie wollten wissen, wer denn die Frau mit der Anzeige sei.“

Das positive Feedback befeuert Pöschla. Mindestens einmal täglich will er seine Seite aktualisieren, auch wenn er weiß, dass er sich damit eine Menge vorgenommen hat. Sein Ziel sei es, die Seite zu einer Institution in der Satireszene zu machen. Jedoch fände er es unangenehm, wenn zu viele Menschen seine Geschichten für bare Münze nehmen würden. Seit der Postmeldung achte er deshalb darauf, dass er seine Nachrichten noch ein wenig mehr überhöhe.

www.kojote-magazin.de

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