Medien : Schadt schaut in diese Stadt

Joachim Huber

Schieben wir mal alles beiseite. "Berlin. Die Sinfonie der Großstadt", das große Vorbild des Walter Ruttmann von 1927. Zwei Millionen Mark, das große Budget für einen Dokumentarfilm. 103 Drehtage, die große Zeitspanne für eine Fernsehproduktion. Schauen wir uns nur die ersten 25 Minuten von "Berlin. Sinfonie einer Großstadt" an.

Thomas Schadt heißt der Autor, der auch Kameramann und Regisseur ist. Wir sehen ein Feuerwerk auf dem Gendarmenmarkt, ein Engel ragt ins rauchige Bild. Wir beobachten Menschen-Silhouetten, wir folgen der Kamera in den Techno-Tempel. Dann werden Brote gebacken, Zeitungen gedruckt, eine Stadt kommt aus ihrer Nacht in ihren Tag hinein. Berlin. Schadt startet mit Wucht, sehr intensiv arbeitet er an der Überwindung zweier Erwartungshaltungen: Der Berliner hat seinen eigenen Berlin-Film im Kopf, der Cineast-Berliner kennt zusätzlich den Ruttmann-Film.

"Berlin. Sinfonie einer Großstadt" ist der Berlin-Entwurf des Thomas Schadt im Jahr 2001. Beinahe 600 Schnitte werden auf 75 Filmminuten verteilt. Wem Schadt knapp ein Drittel des Werkes im Rohschnitt vorgeführt hat, der erfährt, dass der produktive und gerühmte Dokumentarfilmer ("Der Kandidat", "Hauptstadtzeitung") bei der Vorstellung des Projektes im Mai den Mund nicht zu voll genommen hatte. Berlin solle sich darstellen als "eine ehrliche, keine schöne Stadt. Wir drehen keinen lieblichen Film", hatte Schadt gesagt. Die Hauptstadt kommt bei ihm als eine große Stadt mit großer Kraft heraus.

Den virtuellen 24-Stunden-Sommertag, den Schadt über die Stadt zieht, der wird an sechs Stellen historisch punktiert. Historisch, das klingt nach Archivalien, szenischer Rekonstruktion, nach Augenzeugen im Halbschatten und Ohrenzeugen im Lehnstuhl. Schadt hat beides nicht. Er zeigt nur gegenwärtiges Berlin, er findet Geschichte in den NS-Skulpturen des Reichssportfeldes, er kombiniert den amtierenden Bundestag mit seinem Reichstags-Gehäuse. Schadts Film ist ein Schwarz-Weiß-Film und ein Stummfilm, nur sinfonisch begleitet von der Zwölfton-Musik, die Iris ter Schiphorst und Helmut Oehring geschrieben haben.

Ein Stummfilm schafft Probleme. Menschen, die ihre Lippen bewegen, erzeugen beim Zuschauer das Bedürfnis, zu erfahren, was sie sagen. Der Filmautor weiß um diesen Wunsch - und er umgeht ihn. Sprechende Menschen kommen kaum vor. Seine Berliner reden nicht. Sie gehen, stehen, bewegen sich. "Berlin. Sinfonie einer Großstadt" wird darüber kein "Ameisen-Film", keine Draufschau auf die putzigen Großstädter im Wuselschritt. Wartet Berlin gar auf den Film? Mehrere hundert Drehgenehmigungen konnte das Team um Schadt ohne Probleme einholen. Nur beim Pokal-Endspiel, für den Dachbereich des Adlon und bei der Berlinale-Eröffnung gab es Absagen oder die unmissverständliche Bitte von Moritz de Hadeln, den Saal der Berlinale-Pressekonferenz zu verlassen.

Der Film arbeitet auf einer Augenhöhe zwischen Beobachter und Beobachteten. Und noch eine Furcht darf genommen werden: dass dieser Berlin-Film statisch, staatstragend, das offiziöse Manifest des Berliner Fremdenverkehrsamtes ist. Die Wirklichkeit dieser Stadt, Poesie, Ironie, Härte: Da laufen Riesenhunde, die wahren regierenden Bürgermeister von Berlin, an einem kleinen Hundesalon vorbei. Es tobt der Verkehr, und inmitten wässert ein Straßenbauer mit Eleganz und Bierruhe frisch verlegten Asphalt. Polizisten schaffen einen Betrunkenen aus der Grünanlage. Hotel Adlon: weißer Gast, schwarzer Portier. Snobbish German Open. 600 Schnitte Berlin, und jede Sequenz muss für ein Stück Berlin stehen können.

Schadt sagt, er hätte diese Stücke bei seinen Streifzügen aufgelesen, na ja, und ein paar Mal hat er auch ein bisschen nachgeholfen, wenn die Wirklichkeit nicht das hergeben wollte, was Schadt herausholen wollte. Doch keine Sorge: Bilder-Sammler werden an der Spree niemals enttäuscht, und Bilder-Jäger wie Schadt schon gar nicht. Berlin ist auf dem Weg zur Hauptstadt, nicht immer, nicht überall, unbegleitet von vielen. "Berlin pubertiert", sagt Schadt, der seit 20 Jahren hier lebt. Die junge Stadt suche weiterhin nach ihrem Bild. Wo Ruttmann 1927 noch an der "Sinfonie der Großstadt" in der Gewissheit eines starken, auftrumpfenden Berlins arbeitete, da will Schadt Berlin nur die "Sinfonie einer Großstadt" zugestehen. Berlin ist kein Modell, vielmehr eine disparate Stadt, und sie in diesem Aufriss auszustellen, verlangt große formale Strenge.

Schadts Werk verzichtet auf eine Vielfalt der Mittel. Keine Überblendung nirgends. Der Film-Plan ist so sublim kalkuliert, dass zuerst dieser Plan im Verborgenen bleibt. Aber wer zwei Mal hinschaut, der merkt, dass Schadt den Morgen ganz anders ins Bild setzt als den Mittag und die Nacht. Eine Zwölfton-Sinfonie? Solche Musik bringt manchen Schauder auf den Rücken. Die Partitur von ter Schiphorst und Oehring schmiegt sich wie ein tonales Drehbuch an, wobei ihre Musik mehr akzentuiert als illustriert, wie den türkischen Markt am Maybachufer mit vertraut-verfremdeten Tönen. "Berlin. Sinfonie einer Großstadt": Freuen Sie sich darauf. Überprüfen Sie Ihr Berlin-Bild im Klischee und Antiklischee des Thomas Schadt. Am 10. April wird im Konzerthaus am Gendarmenmarkt zur Welturaufführung gebeten. Thomas Schadt heißt der Filmvorführer, und das Sinfonieorchester des Südwestrundfunks wird in Mannschaftsstärke spielen.

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