Medien : Schaumphilosophen

Scobel und Sloterdijk halten auf 3sat die Zeit an

Henryk M. Broder

Eine Zeitmaschine, wie wir sie aus dem Kino und der Literatur kennen, funktioniert so, dass man mit ihrer Hilfe in die Vergangenheit oder in die Zukunft reisen kann, um die eine zu korrigieren oder die andere zu beeinflussen. Das ist ein wenig mühsam, aber sehr praktisch. Jetzt gibt es eine neue Zeitmaschine, die ganz einfach funktioniert und noch praktischer ist. Eine, mit der man die Zeit anhalten kann, ohne dass die Leute es merken, ungefähr so wie in dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“: Ein Tag ist wie der andere, es gibt kein Entrinnen.

Ende April war die SPD in einer Krise, Mitte Juni ist sie es noch immer, und Franz Müntefering sagt heute genau das, was er vor sechs Wochen auch schon gesagt hat, dass man die Inhalte besser kommunizieren müsse. Auch sonst treten alle auf der Stelle. Maybritt Illner diskutiert mit Renate Schmidt und Horst Seehofer über den richtigen Weg zur Reform des Krankenwesens, RTL enthüllt die Porno- Vergangenheit von Sibel Kekilli, in Hessen streiten zwei Nachbarinnen um einen Gartenzwerg, der seinen nackten Hintern zeigt. Und in der „Kulturzeit“ auf 3sat grüßt der Sloterdijk. Denn endlich ist der 3. Band seiner Trilogie „Sphären“ erschienen, Anlass genug für den Moderator Gert Scobel, das Werk und den Autor vorzustellen.

Obwohl er so tut, als habe er das Buch gelesen, fragt Scobel: „Was ist jetzt, kurz umrissen, das Sphärenprojekt?“ Sloterdijk antwortet: „Sphären sind die Räume, in denen die Menschen wirklich leben. Und ich versuche zu zeigen, dass Menschen bis jetzt immer falsch verstanden worden sind, deswegen, weil man den Ort, an dem sie sich aufhalten, stillschweigend voraussetzt, ohne ihn wirklich bewusst zu machen. Diesen Ort nenne ich Sphäre, um darauf hinzuweisen, dass wir nie nur nackt im großen Ganzen sind, nicht nur in einer physikalischen Umgebung, in einer physikalisch- biologischen Umwelt, sondern dass wir selber raumschöpferische Wesen sind, die gar nicht anders können als im selbstgemachten Raum sich aufzuhalten. Und dafür setze ich den Ausdruck Sphäre ein.“ Scobel ist das noch nicht genau genug. Er fragt nach: „Was gewinnen wir durch diese Metapher?“ Und Sloterdijk präzisiert: „Wir gewinnen, dass wir vom Schaum, vom Bild des Schaums her, ein Verhältnis denken, das die Menschen zu denken außerordentlich widerwillig sind. Denn wir möchten normalerweise ja weite Panoramen denken, den Raum mit einem herrschaftlichen Blick erschließen und können nicht verstehen, dass wir in der Welt nicht sind wie ein Feldherr, der von einem Horizont herab einen großen Horizont abgreift, sondern wir sind in der Welt wie Nachbarblasen innerhalb eines Verbundes von benachbarten und ähnlich gebauten räumlichen Systemen.“ Und so geht es weiter. Scobel fragt nach und Sloterdijk erklärt.

Dann reden die beiden Schaumphilosophen über Kardinal Ratzinger, über den Gaskrieg und über Architektur, und dass es falsch ist, „an die allein selig machende Kraft des Pfeilers, der Wand, der Säule und der vertikal abgetragenen Lasten“ zu glauben, wie es Ratzinger tut. Scobel liefert das Stichwort und Sloterdijk referiert Sloterdijk. Das Ganze klingt so wie eines der Gespräche, die Herr Müller-Lüdenscheidt mit seinem Quietscheentchen in der Badewanne führt. Würden Harald Schmidt und Loriot den Scobel- Sloterdijk-Text zusammen aufführen, würde die Nation vor Lachen vom Sofa fallen und Schmidt und Loriot wieder einen Grimme-Preis gewinnen für die beste Mediensatire des Jahres. Aber es handelt sich nicht um Satire, sondern um die Philosophie des Schaums, und deswegen lacht niemand. Nur der Erfinder der neuen Zeitmaschine freut sich.

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