Schauspielerin Nora Waldstätten : Wiener Schnitzel und Schmäh

Nora Waldstätten ist Schauspielerin. Sie sagt, dass ihr Beruf nichts Lauwarmes verzeiht. Eine Begegnung.

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Wien ist Heimat, Berlin Wahlheimat. Nora Waldstätten ist der Wiener Schmäh noch näher als der Berliner „Icke“-Charme.
Wien ist Heimat, Berlin Wahlheimat. Nora Waldstätten ist der Wiener Schmäh noch näher als der Berliner „Icke“-Charme.Foto: imago/APress

Ein Wiener Schnitzel ist ein À-la-Minute-Gericht und keine einfache Aufgabe. Nora Waldstätten weiß das. Sie hat schon viele Wiener Schnitzel zubereitet. Flach klopfen, in Mehl wenden, in verquirltes Ei tunken, in Brösel legen. Bloß nicht zu fest andrücken! Dann wird es in einer Mischung aus Butter- und Schweineschmalz gebacken. Es ist ihr Lieblingsessen, Erinnerung an die Stadt, aus der sie kommt, Trost, wenn sie Sehnsucht nach ihr hat. Das letzte Wiener Schnitzel, das sie zubereitet hat, ist ihr missglückt. Seitdem lässt sie es sich nur noch servieren.

Sie kommt in ein Berliner Restaurant, das einem Wiener Café gleicht. Der „Hackesche Hof“, zentral gelegen, ist besucht von Touristen und ausgestattet mit dem Charme von Größe und Gemütlichkeit. Sie bestellt sich eineCoca-Cola Zero. Gerade war sie noch im Kulturkaufhaus an der Friedrichstraße. Dort hat sie sich das neue Buch des britischen Journalisten und Kochs Nigel Slater gekauft. Es heißt „Ein Jahr lang gut essen“, 250 Rezepte, gelistet nach Saison. Nora Waldstätten ist ein großer Fan von Slater und seinen Gerichten. Sie kocht leidenschaftlich gern. Rindsuppe, Grießnockerln, Indisch, Gulasch. Man bekommt Appetit, wenn sie davon erzählt. Im „Zeit“-Magazin schreibt sie in der Kolumne „Dinner for One“ über Kalbsfond, Käse-Schinken-Toast und Bolognese mit Orangenmarmelade. „Ich finde es so schön verschwenderisch, für mich oder andere stundenlang zu kochen“, sagt sie. „Man arbeitet mit Akribie, Liebe und Hingabe auf einen Moment hin und wenig später ist alles vorbei. Wie im Theater.“

Nora von Waldstätten war ihr Künstlername

Nora Waldstätten ist Schauspielerin. Sie war Magdalena Kopp in „Carlos – Der Schakal“ und die Marie in „Woyzeck“, sie spielte in „Tatort“ und „Nachtschicht“, in Filmen von Wolfgang Murnberger und Josef Hader. Bis vor Kurzem hieß sie noch Nora von Waldstätten. Den Adelszusatz, der ein Künstlername war, hat sie abgelegt. Ein Name verschwindet nicht einfach so. Er verschwindet wegen falscher Vorstellungen, die ihm die Außenwelt zuschreibt. Blaues Blut, Wohnen im Schloss, Leben mit goldenem Löffel. Er verschwindet wegen einer Idee, die nicht mehr stimmt. Nora Waldstätten war 19, als sie sich in Deutschland für das „von“ entschied, jetzt ist sie Mitte 30. Erwachsen und erfolgreich. Das Etikett, sagt sie, habe nichts mehr mit ihr zu tun.

Sie trägt eine enge Hose, weiße Sneaker und eine bernsteinfarbene Brille. Sie ist schmal und zart, fast zerbrechlich. Wie eine Porzellanfigur, Ballerina in Pastell. Hellgrüne Augen, blasser Teint, naturblonde Haare. Blond? Aufgefallen war sie zunächst mit schwarzen Haaren und perfekt geschwungenen Augenbrauen. Geheimnisvoll und gefährlich. Eine Maleficent, die dunkle Fee des deutschen Films. Zeitungen nannten sie die „Baronesse mit den eiskalten Augen“ und „Raubkatze“. Für ihre Darstellung der mordenden Viktoria in dem „Tatort: Herz aus Eis“ bekam sie vor acht Jahren den New Faces Award. Jetzt ist sie blond und ohne „von“. Ist sie eine andere geworden? „Ich will die Schublade, die mir angedacht ist, aufbrechen“, erklärt sie, „neue Farben ausloten, unterschiedliche Figuren spielen. Das wird einem nicht sofort anvertraut, dafür muss man kämpfen.“

1981 wurde sie in Wien als Nora Marie Theres Waldstätten geboren, Urenkelin des Generals Egon Freiherr von Waldstätten. Das „von“ zählte nicht mehr, dieses Adelsprädikat hatte man 1919 in Österreich abgeschafft. Angeblich soll eine Ur-Ur-Ur-Großmutter von ihr, die Baronin Elisabeth von Waldstätten, dem Komponisten Mozart einst einen roten Frack geschenkt haben. Ihr Vater war Chemiker und ihre Mutter Hausverwalterin.

Obwohl die Kunst sich nicht direkt in ihrer Familie aufhielt, war sie doch von ihr umgeben. Mit fünf Jahren war sie das erste Mal im Akademietheater, die Burg wurde fast ihr zweites Zuhause. Als Mädchen tanzte sie Ballett, und als sich ihr großer Traum, eine Primaballerina zu werden, wegen mangelhafter Pirouetten zerschlug, nahm sie am Stadttheater ihre erste Sprechrolle an. Ein Weihnachtsmärchen. Zauber, Sprache, Nebelmaschine, Bühne: Für Nora Waldstätten war der „Groschen“ gefallen.

Spricht sie von Wien, spricht sie im Dialekt

Sie redet nicht viel über ihre Kindheit, ihre Jugend. Wie ihren Künstlernamen hat sie auch ihren österreichischen Dialekt abgelegt, der kaum noch zu hören ist, aber sofort aufwallt, wenn es um ihre Heimat geht. Sie war 19, als sie Wien, Freunde und Elternhaus verließ. Ein Mädchen, das sich von Berlin angezogen fühlte, von den Konzerten im Sage Club, vom weiten Großstadthimmel und vom Berliner „Icke“. Anfang der Nullerjahre zog sie in den Prenzlauer Berg, kurz darauf begann sie ihr Studium an der Universität der Künste.

Nora Waldstätten sagt über sich, dass sie im Leben nicht so sehr diszipliniert sei wie in ihrem Beruf. Sie zahlt für ein Fitnessstudio, das sie schon lange nicht mehr besucht hat. Sie geht auch nicht joggen. Aber sie verzichtet darauf, in den Skiurlaub zu fahren, wenn sie im Winter eine Theaterpremiere hat. Ihr Körper ist ihr Instrument, findet sie. Im Studium hat sie gelernt, über ihren Schatten zu springen. Sie war unsicher und schüchtern, aber die Schauspielschule bot ihr einen Schutzraum, in dem sie sich ausprobieren konnte. Sie sang Texte von Bertolt Brecht und Lieder von Billy Joel.

„Man merkt, ob etwas zu Ende gedacht ist"

Zusammen mit der Schauspielerin Jutta Lampe übte sie Monologe, schon im ersten Studienjahr bekam sie ihre erste Filmrolle. „Mein Beruf verzeiht nichts Lauwarmes“, sagt sie. „Man merkt, ob etwas zu Ende gedacht ist, oder nicht. Ob man wirklich genau war, oder eben nicht.“ Jedes Mal, wenn sie ein neues Rollenangebot bekommt, kauft sie sich ein Moleskine-Heft, um die Figur, die sie spielen wird, für sich zu kreieren. Darin stellt sie sich Fragen wie: Was ist ihre Lieblingsmusik? Was isst sie gern? Oder wovor hat sie Angst? Ihre Liste mit den Eigenschaften packt sie dann in einen Rucksack, den sie unsichtbar vor der Kamera mit sich trägt.

Nora Waldstätten ist ein fröhlicher Mensch. Sie lacht viel und liebt den Wiener Schmäh. Man kann sie sich gut an einem österreichischen Set vorstellen, zwischen Josef Hader und Georg Friedrich, mit denen sie gerade zusammen in dem Kinofilm „Wilde Maus“ spielt. „Hoppala“!, „Schau mer mal“!, „Das geht sich aus“! Knappe Redewendungen für Katastrophen. Manchmal, sagt sie, gäbe es Momente, in denen sie Heimweh habe. Wien sei ihre Heimat und Berlin ihre Wahlheimat.

Nach dem Dreh wird gewandert

Im Mai dreht sie zusammen mit Matthias Koeberlin die nächsten zwei Folgen der Reihe „Die Toten vom Bodensee“. In dem deutsch-österreichischen Krimi ist sie die Kommissarin Hannah Zeiler, die wie der Bodensee viele Facetten in sich trägt: dunkel, geheimnisvoll, stürmisch, ruhig und verschlossen. Nach Drehschluss, am Wochenende, wird sie dann wieder in den Allgäuer Alpen wandern gehen. Sie läuft den Pfänder hinauf, 1062 Meter hoch. Beim letzten Mal war sie fünf Stunden unterwegs. „Ich war ganz erstaunt, dass so etwas in mir steckt.“.

Im Februar dieses Jahres war sie in einer Folge der ZDF-Serie „Nachtschicht“ zu sehen. Der Regisseur Lars Becker hatte sie für die Rolle einer Krankenschwester und alleinerziehenden Mutter besetzt, die davon träumt, als Stand-up-Komödiantin auf der Bühne zu stehen. Blond, naiv und liebenswert. In einer Szene zoomt die Kamera ganz nah an sie heran. Sie verbeugt sich, schüttelt ihr langes Haar und lacht. Sie sieht aus wie die Goldmarie.

„Die Toten vom Bodensee: Die Braut“, ZDF, Montag, 20 Uhr 15

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