Scheitern als Chance : Wer zahlte an Netzwerk Recherche?

Die Journalistenvereinigung hat erstmals einen Finanzbericht vorgelegt.

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Unregelmäßigkeiten bei der Abrechnung von Tagungszuschüssen haben am vergangenen Wochenende zu einer Führungskrise bei der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche (NR) geführt. Ihr Gründer, SWR-Chefreporter Thomas Leif, musste mehr oder weniger freiwillig gehen. Der eingetragene, gemeinnützige Verein hatte für seinen hochkarätig besetzten Jahreskongress über vier Jahre rund 75 000 Euro der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) erhalten, die auch politische Erwachsenenbildung fördert. Das Geld hätte es nur geben dürfen, wenn NR mit der Veranstaltung Verluste gemacht hätte. Das war jedoch nicht der Fall. Wie aus einem nun erstmals bekannt gewordenen Finanzbericht hervorgeht, konnten die Kosten von 26 000 Euro für die Jahrestagung 2010 offenbar durch Teilnehmerbeiträge, Zuschüsse und Spenden gedeckt werden. Das Geld wurde nun zurücküberwiesen, der Fall zwei Wirtschaftsprüfern vorgelegt.

Günter Bartsch, seit 2009 Geschäftsführer von NR und der einzige hauptamtlich Angestellte, zeigt sich zerknirscht: „Das ist, soweit ich weiß, tatsächlich das erste Mal, dass jetzt eine solche Einnahmen-Überschuss-Rechnung den Mitgliedern vorliegt.“ Aus dem Bericht geht hervor, dass für Anzeigen und Sponsoring unter anderem von der Ing DiBa 30 000 und von RWE 10 000 Euro geflossen sind. Was den Verein aber nicht daran hinderte, den Negativ-Preis der „Verschlossenen Auster“ dieses Jahr auch an RWE zu vergeben. Insgesamt erzielte die Journalistenorganisation durch Beiträge seiner 559 Mitglieder, Spenden von Verlagen und Stiftungen einen Überschuss von 97 000 Euro und verfügt über ein Vermögen von insgesamt 400 000 Euro.

Durch die Idee, eine Stiftung zu gründen, für die man in Deutschland ein Grundkapital von 200 000 Euro braucht, hatte man sich dieses Jahr offenbar erstmals genauer mit den Zahlen beschäftigt und dabei den Fehler mit der BpB entdeckt. Während der Jahrestagung gab es eine Veranstaltung mit dem Titel „Lob, Kritik, Fragen: Zehn Jahre Netzwerk Recherche“, bei der die meisten Fragen in der Sache geklärt werden konnten, so Bartsch. Der Vorstand, der unter Leitung des zweiten Vorsitzenden Hans Leyendecker bis zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung mit Neuwahlen im Herbst erst mal weitermachen kann, traf sich nach der Konferenz noch einmal am Sonntagabend – ohne Thomas Leif. „Energie und Motivation sind weiterhin da“, so Bartsch, für November ist die nächste Tagung geplant zum Thema „Scheitern als Chance“. Simone Schellhammer

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