Medien : Schiller, ein Fernsehmarathon

Noch irgendwelche Fragen zum Dichterfürsten? 3sat gibt heute 24 Stunden lang Antworten

Kerstin Decker

Schiller, das wissen wir jetzt, gehört zu den Extremsportarten. Kant im letzten Jahr war ein Spaziergang dagegen. Im vergangenen Herbst fiel der Startschuss, nun stehen wir immerhin schon kurz vorm Zieleinlauf. Am 9. Mai ist Friedrich Schiller tot. Endlich? Das darf man denken, aber niemals laut sagen. Und auch Begräbnisse können sehr lange dauern. Wir verweisen an dieser Stelle schon einmal auf verschiedene Schiller-Inszenierungen, die das Programm von 3sat „durchsommern“, bis wir etwa am 24. September zugucken können, wie Fritz Kortner in München 1965 „Kabale und Liebe“ probt. Aber da wird es ja schon wieder Winter. Sterben Idealisten immer im Frühling?

Heute, am 1. Mai vor 200 Jahren, hat er zum letzten Mal Goethe getroffen. Und deshalb hat 3sat nun für alle Schillerianer eine ganz besondere Prüfung vorbereitet. Heute kommt 24 Stunden lang nichts als Schiller auf 3sat.

Es ist auch eine Prüfung der Literaturtauglichkeit des Fernsehens. Denn das Fernsehen hat, das merkt man so richtig erst im Mai, einen entscheidenden Nachteil gegenüber dem Buch. Man könnte sich mit der neuen Schiller-Gesamtausgabe aus dem Aufbau-Verlag 24 Stunden lang unter einen Mai-Baum setzen, und wenn es dunkel wird, nimmt man eine Kerze. Schiller hatte auch keine andere Beleuchtung. 24 Stunden mit dem Fernseher unterm Maibaum, das ist schon viel schwerer. Fernsehen ist eben doch eher etwas für Innenraumbewohner, nicht für Mai-Menschen. Aber Schillerianer sind grundsätzlich keine Mai-Menschen.

Schon der Dichter hat – obwohl er keinen Fernseher besaß – seine Wohnungen nur ausnahmsweise verlassen und dann immer sehr große Schwierigkeiten gehabt, sich an das Tageslicht und die Gerüche draußen zu gewöhnen. Deshalb kaufte er sich in Jena auch das Gartenhaus, es war die einzige Möglichkeit, draußen zu sein und doch jederzeit zurückfliehen zu können ins Wohnzimmer.

Das Gartenhaus in Jena mit dem Schreibhäuschen an der Mauer kommt natürlich in vielen Schiller-Versuchen vor, etwa um 16 Uhr 25 in dem Film „Friedrich Schiller – ein wunderlicher großer Mensch“ von Werner Kohlert. Kohlerts Film zeigt sehr viele leere Innenräume – so ziemlich alle, in denen Schiller sich je aufgehalten hat, und außerdem viele maiblühende Landschaften.

Schon hier fällt auf, was der große Nachteil von 3sat gegenüber der neuen Schiller-Gesamtausgabe ist. Wir müssen Schiller hören, das heißt, wir müssen Menschen zuhören, die so sprechen, wie Schiller vielleicht gesprochen haben könnte. Der Mann kam aus Schwaben, verbrachte die schönsten Jahre seines Lebens in Sachsen (Leipzig und Dresden!) und ging dann nach Thüringen. Die Präsenz dieser drei Landschaften im Tonfall eines einzigen Menschen ist etwas, dem man nur mit finsterster Faszination und Mord im Blick zu folgen vermag. Außerdem erinnern sich die Sprecher ab und zu, dass Schiller nicht nur Schwabe, Sachse und Thüringer, sondern außerdem noch Dramatiker war, weshalb sie dem Schwäbisch-SächsischThüringisch ein ganz besonderes Pathos unterlegen. In „Abgeschminkt extra: Friedrich Schiller“ (12 Uhr 30) könnte das besser werden, immerhin ist das ein Interviewfilm mit Schiller, und seit Heiner Müller weiß man, wie beinahe tonlos Dramatiker antworten können. Aber Bernhard Humm als Schiller verzichtet weder auf mahlende Unterkiefer noch auf rollende Augen.

Zugleich hat 3sat daran gedacht, dass auch die Viva- und MTV-Generation ein bisschen mehr von Schiller wissen sollte, was „Schiller reloaded“ (19 Uhr 10) von Theo Roos einen unaufhörlich flackernden Bildhintergrund einträgt. Damit sich die Kids hier ganz wie zu Hause im Internet fühlen, umkreist eine außer Kontrolle geratene Dogma-95-Kamera alle Beteiligten. Nach dem Schleudertrauma von „Schiller reloaded“ ist völlig klar, dass es keine zartfühlenderen und rücksichtsvolleren Menschen als die Buchdrucker gibt. Buchstaben bleiben immer an derselben Stelle stehen. Eigentlich ist es schade um „Schiller reloaded“. Denn die Grundidee ist sehr schön: Schiller sind drei – der Dramatiker (und Theoretiker), der Lyriker und der weibliche Teil des Supermanns. Den weiblichen Teil spricht Dagmar Manzel, den Lyriker – wunderbar! – Helge Schneider, und der Dramatiker sollte ursprünglich Robert Gallinowski sein. Aber der konnte nicht. Und seine Vertretung spricht zwar nicht schwäbisch-sächsischthüringisch, ist dafür aber von einer so aberwitzigen Süffisanz und hält dabei die Hand so affektiert an den Kopf gestützt, wie Schiller es (nach eigenem Bekunden) nie getan hat. Außer auf dem allgegenwärtigen Gemälde von Anton Graff.

Irgendwie ist es gemein, am 3sat-Schillertag herumzunörgeln. Zum Glück ist er so lang, dass man Längen problemlos ausweichen kann. Bis heute morgen um neun Uhr kommt ein Schiller-Lesemarathon, um 11 Uhr 25 noch einmal das wegen Schiller reaktivierte „Literarische Quartett“ und um 14 Uhr 45 ein alter Schiller-Film mit Heinrich George. Auch wie Esther Schweins das Nationaltheater Mannheim vorstellt, an dem Schillers „Räuber“ uraufgeführt wurden, ist sehenswert. Wir ernennen hiermit Helge Schneider und Esther Schweins zu den sensibelsten Schiller-Interpreten des 3sat-Tages.

„24 Stunden Schiller“, seit drei Uhr morgens und bis morgen um 5 Uhr 25 bei 3sat

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