Medien : Schlaflos in München

Podcasting ist Radiohören für die iPod-Generation. Nun ist der Trend auch in Deutschland angekommen

Jenni Roth

Sushi, das sind kleine Trend-Häppchen aus Japan. Alle zwei Tage liefert Thomas Wanhoff von Sushiradio.de seine Leckerbissen aus. Doch Wanhoff ist keineswegs der Sushi-Händler um die Ecke; er ist ein Podcaster, der im Internet ganz besondere Happen rollt. Auf seiner Speisekarte wählt man zwischen „Unterwegs“, „Wissen“, „Kochen und Haushalt“ und „Musik“.

Podcasting ist eine neue Art Radio zu hören, ein Radio ohne Sendestation und Antenne. Podcaster wie Wanhoff stellen ihre selbst produzierten Beiträge über das Internet zur Verfügung. Meistens handelt es sich um private Sendungen, vergleichbar mit Radioshows. Podcasting ist ein Kunstwort. Es setzt sich zusammen aus dem populären MP3-Player iPod von Apple und dem englischen Wort broadcasting (senden). Jeder kann mitmachen, der ein Mikrofon hat und sich kostenlos die nötige Software aus dem Internet besorgt.

Die Idee stammt vom Amerikaner Adam Curry. Das war vor gut einem halben Jahr und inzwischen haben die Deutschen nachgezogen. Was der Zeitung die Weblog-Tagebücher, sind dem Radio die Podcasts. In der Szene tummeln sich all jene, die freie Zeit, ein Mikrofon und mitunter auch eine Tendenz zur Profilneurose haben. Warum sonst lässt sich jemand dazu hinreißen, online aus dem Nähkästchen zu plaudern?

Diese Frage kann auch Wanhoff nicht beantworten. Sein Ziel ist es, auch Technikmuffel für das neue Radio zu begeistern. Mehr Inhalte, statt immer mehr Berieselung will er bieten. Auch Podcasterin Annik Rubens bedauert, dass herkömmliche Radiosender zugunsten musikalischer Endlosschleifen inhaltliche Beiträge gekürzt haben und wittert deshalb eine Chance für Podcasts, bei denen Hörer beispielsweise in New York einem virtuellen Rundgang durch das Metropolitan-Museum folgen, den exotisch anmutenden Ansagen im Supermarkt in Tokyo lauschen oder Tipps für die nächste Bali-Reise sammeln. Auch Selbsthilfe-Angebote ziehen: Ein Podcast-Doktor für Arthritis-Patienten ist schon im Einsatz.

Rubens kuriert vorerst einsame Großstädter. Die freie Journalistin freut sich, ihre Hörer mit „Schlaflos in München“ zu unterhalten und endlich eine eigene Kolumne veröffentlichen zu können . Sobald die Dunkelheit hereinbricht, sitzt sie in ihrer Wohnung an Mikro und Mischpult und erklärt die Welt „mit einem Augenzwinkern“. Skurriles tritt da zutage, etwa die Webseite „death clock“, auf der man sein Todesdatum errechnen kann. Anonym – ihre Mutter weihte sie erst nach zwei Monaten ein, und kaum einer ihrer Freunde weiß von ihrem Hobby – lasse es sich leicht „von der Leber weg reden“. Doch offenbar muss Rubens Kritik nicht fürchten. Nur positives Feedback sammle sich in ihrer Mailbox – aus Singapore, Ägypten und Uruguay.

Der europäische Medienbeauftragte Jo Groebel findet die Diversifizierung einzelner Gruppen und Lebensstile „spannend“ und sieht einen Trend hin zur „Kommunikation von Vielen zu Vielen“. 5000 Menschen rund um den Globus sind Podcast-Sender, nur geschätzte 100 sind es hierzulande – zu wenig, findet Wanhoff. Mit der internationalen Edition „Around the world“ auf Sushiradio.de will er „über den Tellerrand hinausschauen“. Podcaster wie Terrance Young, der die beliebte Seite „Kobebeef“ betreibt, sollen weltweit professionelle Beiträge liefern und das Forum so zu einer Art Kontaktbörse machen. Die solidarische Mission könnte auch dem Wohl der Blinden zugute kommen: Warum nicht online zur Frühstückszeit ein paar Artikel aus der Zeitung vorgelesen bekommen? Auch für den wissenshungrigen Berlin-Besucher gibt es Neues zu entdecken: „Soundseeing-Touren sind im Kommen“, davon sind die Sushi-Macher überzeugt.

Rubens sieht in dem Medium eine Nische für Spartenkanäle – für ein Heavy- Metal-Programm fehle im herkömmlichen Radio die Quote. Dafür kaufen Radiostationen wie der US-Sender XM den Podcastern Inhalte ab. Auch der Dotcom-Millionär Adam Curry hat den Trend erkannt, sich vom selbstlosen Spaßprofil verabschiedet und mit seiner Podcast-Show auf dem New Yorker Satellitensender Sirius auf Kommerz umgesattelt. Damit hat er sich unter den „ehrenamtlichen“ Podcastern wenig Freunde gemacht. Obwohl: Die „eine oder andere Werbeeinnahme“ würden auch die Sushi-Köche dankbar einstecken.

Links zum Thema

www.podcast.de, www.podster.de

www.ipodder.org.

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