Medien : Schlank, aber frech

Die linksliberale „Libération“ sieht Licht am Horizont – und viele Kapitalisten

Guillaume Decamme[paris]

Wäre der 1980 verstorbene Jean-Paul Sartre am vergangenen Freitag bei „Libération“ vorbeigekommen, hätte er wohl zum Generalstreik aufgerufen. 33 Jahre, nachdem der Philosoph die Zeitung aus der Taufe hob, ist es Hauptaktionär Edouard de Rothschild gelungen, das einstige Revoluzzer-Blatt in eine ganz banale Aktiengesellschaft zu verwandeln. Mit einer Finanzspritze von insgesamt 15 Millionen Euro soll sich das internationale Großkapital in die Tageszeitung verhelfen und damit den Weg für die Sanierung der unter Gläubigerschutz stehenden „Libération“ frei machen. Die Kinobetreiberkette Pathé, der Luxuswarenunternehmer und François-Mitterrand-Intimus Pierre Bergé, die belgische Zeitungsgruppe Mediascap („La libre Belgique“), und, last but not least, der Industriellenerbe und Sartre-Biograf Bernard-Henri Lévy – die Liste der „Libé“-Retter dürfte bei manch einem Altleser Kapitalistenalarm auslösen.

Ein Neustart ist aber schon lange fällig. Die Auflage des einstigen Flaggschiffes der französischen Linken ist unter die 137 000-Marke gesunken, das Projekt weist 13 Millionen Euro Schulden auf. Für Hauptaktionär Edouard de Rothschild ist das ein Grund zur Panik. Als der Bankierssprössling und Pferdefreund Rothschild im Januar 2005 die Geschicke des Blattes in die Hand nahm, versuchte er sich als diskreter Eigentümer und versprach den Journalisten, sich jeglichen redaktionellen Eingriff zu verbieten – und hielt sich daran. Zunächst. Wenige Monate später verschrieb er der maladen Zeitung eine drastische Schlankheitskur.

Mehrere dutzend Redakteure mussten im Herbst 2005 „Libération“ verlassen. Darunter der Mitgründer und langjährige Chef Serge July. Aus Protest packte auch Florence Aubenas ihre Sachen. Als Hausreporterin wurde sie im Irak als Geisel genommen und dank massiven Geheimdiensteinsatzes nach fünf Monaten befreit.

Rothschild ging dieser Sanierungsplan aber nicht weit genug. „Libération“ verlor immer noch Geld – viel Geld. Rund 13 Millionen Euro. Der Eigentümer boxte einen neuen Sozialplan durch, der die Streichung von weiteren 90 der 300 verbleibenden Stellen vorsieht. Um einer Meuterei vorzubeugen, holte er im November 2006 den konsensfähigen Laurent Joffrin als Geschäftsführer. Der joviale Joffrin hat das Journalistenmetier bei „Libération“ erlernt und ist auf Du und Du mit der Hälfte der Redaktion.

Und nun also die neue Kapitalerhöhung. Sie sei eine „echte Neugründung, ein echter Bruch“, sagt Rothschild. Mit den 5,8 Millionen Euro, die er nachschießt, sichert er sich 38,7 Prozent der Zeitung und bleibt damit Haupteigner. Zweitwichtigster Aktionär wird der Mitgründer der italienischen „La Repubblica“, Carlo Caracciolo. Dessen Einstieg haben die Journalistengewerkschaften als ein „willkommenes Gegengewicht“ zu Edouard de Rothschild begrüßt. In der Redaktion ist dessen Ruf – gelinde gesagt – nicht gerade der beste. Kurz vor Weihnachten machten einige Beschäftigte sogar ihrem Ärger über den Rettungsplan Luft, indem sie frühmorgens hunderte gebündelte „Libé“-Exemplare gegen Rothschilds Haustür schleuderten. „Hauslieferung“ nannten die Aufbegehrenden die Aktion.

Ist die „Libération“ wirklich gerettet? Und wenn ja, zu welchem Preis? Gründe zur Rebellion dürfte es in den kommenden Monaten jedenfalls noch zahlreiche geben. Weitere Redakteursstellen sollen abgebaut, das Internet-Angebot erweitert werden. Vor allem müsse man „die Prozesse modernisieren und mehr arbeiten“, so Rothschild. Er wolle, dass „Libération“ ein freches „Qualitätsblatt“ bleibe und neue Leser gewinne, sagt er im Interview mit „Le Monde“. Schon 2008 soll das Blatt schwarze Zahlen schreiben. Damit steuert „Libé“ offenbar einer rosigeren, obgleich kapitalistischeren Zukunft entgegen.

„Ich weiß nicht, ob wir jemals wieder rentabel werden. Ich weiß nur, dass wir unsere Seele an den Teufel verkauft haben“, verkündete ein langjähriger Politikredakteur, der nicht namentlich genannt werden möchte, nachdem Rothschild am vergangenen Freitag die Namen der Neuaktionäre bekannt gegeben hatte. Geschäftsführer Laurent Joffrin hingegen trabte leichten Herzens auf die Kameras zu. „Wir sind aus der Hölle raus. Wir haben das Purgatorium erreicht“, scherzte er. Wenn Sartre das gehört hätte.

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