Schotten dicht bei Nordkorea : Schweigen für den Führer

Nordkoreas Team gibt sich so verschlossen wie das Land. Trotzdem gibt es Berichte über den Exoten.

Alex Raack
Eine „Wundertüte“ nennt ZDF-Reporter Stefan Bier Nordkoreas Team. Foto: ZDF
Eine „Wundertüte“ nennt ZDF-Reporter Stefan Bier Nordkoreas Team. Foto: ZDFFoto: Kerstin Bänsch

Zitate aus dem Lager des WM-Teilnehmers Nordkorea sind echte Raritäten. Und wenn man so eine Seltenheit zu hören bekommt, klingt sie in etwa so: „Nordkorea gewinnt die Weltmeisterschaft. Dies wird uns dank der großartigen Unterstützung unseres geliebten Führers Kim Jong Il gelingen!“ Sagt Son Kwang Ho, seines Zeichens Vizepräsident des nordkoreanisches Fußballverbandes. Was soll der gute Mann auch anderes sagen – der „geliebte Führer“ ist bekannt dafür, Zweifler an seiner Allmacht in brutalen Arbeitslagern verrecken zu lassen.

Nordkorea ist der größte Exot bei dieser Weltmeisterschaft. Zum ersten Mal seit der WM 1966 in England nimmt das Team wieder an einem WM-Turnier teil. Nur wenige Journalisten in Südafrika sind in der Lage die Spieler zu unterscheiden, von den taktischen Vorlieben des Trainers Kim Jong Hun ist so gut wie nichts bekannt, ein halbwegs normaler Austausch mit der Presse findet nicht statt. Nordkorea ist ein Sonderfall – in jeder Hinsicht.

„Diese Mannschaft ist eine Wundertüte“, sagt ZDF-Reporter Stefan Bier. Den zweiminütigen Bericht vor dem heutigen Spiel der Asiaten gegen Brasilien hat er zusammengeschnitten. Ein echter Kraftakt. Informationen über Nordkorea gibt es nur von der Fifa, und die auch nur in dosierter Form. Für alle 32 Mannschaften hat der Weltverband ein Kamerateam abgestellt, die exklusiven Bilder und Informationen dürfen Bier und seine Kollegen verwursten. „Das ist unser Rohmaterial. Ohne eigene Fragen, ohne eigene Eindrücke. Und im Hintergrund stehen in jeder Szene die Werbebanden der offiziellen Sponsoren.“ Die Informationsdichte hält sich in Grenzen. Eine zehnminütige Aufnahme zeigt die komplette Mannschaft beim Essen. Ohne Tischgespräche.

Nordkorea ist speziell, aber kein Einzelfall in der medial so durchgestylten Weltmeisterschaft. Die Fifa zwingt jede Mannschaft zu offiziellen Pressekonferenzen und öffentlichen Trainingseinheiten. Was die Sportler und ihre Vertreter in den wenigen Minuten Pressezeit sagen, ist ihnen selbst überlassen. Nordkoreas Trainer scheuchte die Journalisten nach 15 Minuten vom Übungsgelände – zuvor hatte er seine Mannschaft Handball spielen lassen. Einzig der Star des Teams, Jong Tae Se, gibt den Medien Auskunft. Mit der Nationalmannschaft verbindet ihn nur der nordkoreanische Pass. Tae Se spielt in Japan, hat einen namhaften europäischen Ausrüster und ist weit weg vom „geliebten Führer“ Kim Jong Il. „Die Spieler haben vermutlich Angst, etwas Falsches zu sagen“, glaubt „Spiegel“-Redakteur Christoph Biermann. Also sagen sie lieber gar nichts.

Die deutschen Journalisten sehen das Treiben dennoch nüchtern. „Freien Zugang zu Mannschaft und Trainer hat man beim deutschen Team genauso wenig“, sagt ZDF-Mann Bier. Die tägliche Arbeit beschränkt sich auf im Vorfeld minutiös angesetzte Pressekonferenzen und Trainingseinheiten. „Das ist wie beim Friseur“, meint Bier, „hingehen, 15 Minuten sitzen, Termin vorbei“. Anders, sagt der Reporter, sei das gigantische Turnier auch gar nicht mehr zu anständig medial zu bewältigen.

Im Gegensatz zum ZDF hat die zentrale Sendeanstalt Nordkoreas jedoch keine Fernsehübertragungsrechte. Trotzdem hatte sie das WM-Eröffnungsspiel gezeigt. Der südkoreanische Sender SBS, der die alleinigen Übertragungsrechte an den WM-Spielen für die koreanische Halbinsel hat, warf dem Nachbarland Senderpiraterie vor. Das dürfte Nordkorea aber wohl kaum abschrecken, das Spiel heute erneut illegal zu zeigen. Alex Raack

„WM live: Brasilien – Nordkorea“, ZDF, 20 Uhr 30

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