Medien : Schuld durch Wegsehen

Ein neuer Bella-Block-Krimi im Zweiten

Barbara Sichtermann

Diesmal geht es nicht um Mord – obschon einer passiert, der aber rasch aufgeklärt ist, denn die Täterin gesteht. Sie habe sich so allein gefühlt und deshalb den zu oft fremdgehenden Ehemann beseitigt. Scheinbar hat diese Tat nichts mit jenem anderen Fall zu tun, der Bella Block viel stärker beschäftigt und dessen sie sich annimmt, obwohl er nicht in ihr Ressort gehört: Vergewaltigung.

Bella (wie stets eindrucksvoll: Hannelore Hoger) kommt nicht los von dieser Sache, und sie tut alles, um den Täter vor Gericht zu bringen. Bella hat einen persönlichen Grund. Sie hat das Gefühl, und sie hat Recht damit, dass sie die Tat hätte verhindern können. Da war doch auch mal was in der rauen Wirklichkeit, ist vielleicht ein, zwei Jahre her: In einem öffentlichen Verkehrsmittel trug sich eine Vergewaltigung zu, das Opfer wimmerte um Hilfe, niemand griff ein. Dieser Geschichte ist „Die Frau des Teppichlegers“ nachempfunden.

Vor einer Einkaufspassage in Hamburg knutscht ein Pärchen. Bella geht vorbei, sie stutzt, sie hat den Eindruck, dass da was nicht stimmt, aber sie geht weiter. Deutlich aber wird die Situation einige Minuten später (Bella ist inzwischen im Warenhaus verschwunden), als der Mann das Mädchen über den Platz jagt und in ein Zelt schleift. Die junge Frau (Anja Antonowicz) hat noch Zeit und Luft, ein Ehepaar um Hilfe anzuflehen. Die beiden wenden sich indigniert ab. Bella, als sie sich daran erinnert, dass ihr nicht ganz wohl war beim Anblick des Paares: „Ich hätt’ auf sie zugehen müssen. Ich hätt’ fragen müssen: Ist alles in Ordnung? Ich habe es nicht getan. Ich schäme mich dafür.“ Und so arbeitet Bella ihre Scham ab, indem sie das Vertrauen des vergewaltigten Mädchens gewinnt, sich auf die Suche nach den Zeugen macht – denn das Opfer ist nur glaubwürdig, wenn es nachweisen kann, dass es sich gewehrt hat und um Hilfe rief –, und stößt dabei auf die Titelfigur: die Frau des Teppichlegers.

Diese Frau Voss (Ulrike Krumbiegel) ist eine Wiedergängerin jener Mörderin, die alles zugab und so Bella die Arbeit erleichterte. Frau Voss hat zwar (noch) nicht gemordet, führt aber dieselbe in Routine erstarrte Hausfrauenexistenz neben einem Mann, der sie ständig demütigt. Bella erkennt die Parallele. In einem langen, für gängige TV-Dramaturgie überlangen, aber deshalb umso überzeugenderen Monolog (Buch: Beate Langmaack) dringt sie in die schweigende Frau, ihr zu sagen, was sie vor der Einkaufspassage gesehen hat. Zunächst muss Bella gehen, ohne ein Wort mitzunehmen. Aber wem Bella eine Brandrede gehalten hat, der kommt nicht mehr zur Ruhe.

Der Film ist episodisch zusammengebaut, Mord und Vergewaltigung haben nichts miteinander zu tun, Bella wildert in einem fremden Revier, und der Haussegen mit Freund Simon hängt auch wieder schief. Wie im wirklichen Leben ist alles irgendwie verkehrt und unübersichtlich, von Einstellung zu Einstellung muss man sich neu orientieren. Bis man begreift, was das für ein Zentrum ist, um das Regisseur Kai Wessel die Bilder kreisen lässt: Es heißt schuldig Werden durch Wegsehen, heißt Kälte und Einsamkeit. Als filmisches Traktat zu diesem heißen Thema ist „Die Frau des Teppichlegers“ ein erneuter Beweis dafür, dass das Lehrstück im Fernsehen nicht zu Ende ist, dass es sogar jede Menge Stoff hat und viel bewirken kann, wenn es, wie hier, seine Mittel wählerisch und überlegt einsetzt.

„Bella Block: Die Frau des Teppichlegers“, ZDF, 20 Uhr 15

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