Medien : Schuld und Psyche Justizdrama über den Umgang mit unzurechnungsfähigen Tätern

Alva Gehrmann

„Das Unheil nimmt einfach seinen Lauf, und keiner tut etwas“, sagt Armin Sperr zu Melanie. Zwei Tage später findet man ihre Leiche auf der Mülldeponie. Die Spur führt zu Sperr (Axel Sichrovsky), dem unscheinbaren, jungen Angestellten. Im Prozess wird ihm der unerfahrene Pflichtverteidiger Pohl zugewiesen. Während er Sperr für psychisch krank und damit eingeschränkt schuldfähig hält, beruft sich das Gericht auf das Ergebnis eines renommierten Gutachters, der Sperr für voll zurechnungsfähig erklärt.

„Ich hab es nicht gewollt – Anatomie eines Mordfalles“ (20 Uhr 15, ZDF) behandelt den Umgang mit psychisch kranken Straftätern. Es ist der neueste Film von Norbert Kückelmann. Der Münchner Strafverteidiger, Autor, Produzent und Regisseur ist dafür bekannt, kontroverse und brisante Themen aufzugreifen. 1995 erzählte er in „Alle haben geschwiegen“ die Geschichte eines vertuschten Mords in der Kleinstadt; in „Abgetrieben“ (1993) thematisierte er den Abtreibungsprozess in Memmingen. Der 72-Jährige, in dessen Kanzlei schon Regisseur Hark Bohm sein Referendariat gemacht hat, macht seit den 70er Jahren Filme, die auf realen Mordfällen und Prozessen basieren. Über zwei Jahre hat Kückelmann für das Justizdrama recherchiert.

Präzise zeigt der Film den Konflikt der Justiz: Während die öffentliche Meinung – geschürt durch die Presse – Vergeltung fordert, sollen die Richter objektiv urteilen. Doch auch Richter und Staatsanwälte lesen Zeitung und sehen fern. Staatsanwalt Brenner antwortet auf die Frage, wer den Angeklagten verteidige: „Die Verteidigung spielt keine wesentliche Rolle. Der Fall ist ja klar.“

Pflichtverteidiger Alexander Pohl (Fabian Busch) versucht, Sperr zu helfen. Er lässt ein neues Gutachten erstellen. Ist Sperr krank? Wusste er, was er tat? Die Antworten entscheiden darüber, ob der Angeklagte in den Maßregelvollzug mit psychologischer Betreuung oder in ein normales Gefängnis kommt. Der neuen Gutachterin Dr. Gerlach (Franziska Walser) gewährt der Angeklagte Einblick in seine Welt. Sperr, einfühlsam gespielt von Axel Sichrovsky, ist ein gespaltener Mann: mal aggressiv, dann wieder sanft, gelegentlich philosophisch: „Ich bin schuldig. Ist Schuld eine Krankheit?“ – „Kann man Schuld abwaschen?“. Gerlach attestiert Sperr eine schwere krankhafte Persönlichkeitsstörung – somit wäre er nicht voll zurechnungsfähig. Der Richter fordert die Gutachterin auf, ihr Urteil zu überdenken– schließlich arbeite man auf dem öffentlichen Präsentierteller. „In den realen Fällen geht es manchmal noch härter zu“, sagt Kückelmann. Er kennt Gutachter, denen gedroht wurde, nie wieder einen Auftrag vom Gericht zu erhalten, wenn sie bei ihrer Einschätzung blieben.

„Ohne Therapie wird er bleiben, was er ist. Eine Gefahr für sich und seine Mitmenschen. Auch hinter Gittern“, sagt Gerlach. Sperr wird als voll schuldfähig eingestuft. Zwei Jahre später gelingt ihm die Flucht. „Unerkannt lebt er unter uns“, wird eingeblendet.

Der Film weckt den Wunsch nach einer Diskussionsrunde. Die konnte das ZDF zeitlich nicht unterbringen. Leider.

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