Medien : Schweigen auf Sächsisch

„Heimweh nach Drüben“ ist zu brav für eine deutsch-deutsche Komödie

Kerstin Decker

„Die Frau vom Checkpoint Charlie“ war die Tragödie zum Tag der Deutschen Einheit, „Heimweh nach Drüben“, morgen Abend im Ersten, ist die Komödie dazu. Und trotzdem eine Tragödie. Hauptsendezeit. Vor ein paar Wochen hätte man da noch schön grillen können, aber jetzt? Wo verläuft die Mauer? Vielleicht zwischen denen, die Lustspiele wie dieses aushalten, und den anderen. Sag mir, worüber du lachst, und ich sage dir, wer du bist!

Nein, nein, es ist gar nichts Schlimmes. Nur sind Typen wie dieser Stephan Busemann (Wolfgang Stumph) nun mal nicht lustig. Oder nur nicht mehr? Dabei waren nur die Busemanns der DDR wirklich gewachsen. Im Grunde war deren Ökonomie noch nicht einmal bei der Ware- Geld-Beziehung angekommen, ihre Wirklichkeit war stattdessen eine elementare Form des Tauschhandels: Ich besorge dir drei ungarische Salami, und du gibst mir dafür eine Mischbatterie! So bekam am Ende jeder, was er brauchte; nur wer nichts zu vertauschen hatte, bekam nichts.

So fängt das an. DDR, 1987. Stumph spielt wieder sich selbst – einen Sachsen also. Einen Virtuosen des Tauschhandels. Wie jeder weiß, sind die Sachsen am schönsten, wenn sie nicht reden. Vielleicht bestehen Stumphs nachdrücklichste Kommentare deshalb im genau berechneten Anheben einer Augenbraue. Etwa als der Fleischer ihm für die Mischbatterie nur eine ungarische Salami und zwei Döbelner Bier geben will. So nicht mit Stumph-Busemann. Wen das nicht amüsiert, dem ist nicht zu helfen.

Tauschen, verwechseln – Die ewige Grundlage aller Komödienharmlosigkeit (Regie: Hajo Gies, u. a. „Heirate meine Frau“, „Liebe versetzt Berge – Alpenglühen II“). Busemanns Ehre besteht, wie angedeutet, darin, alles besorgen zu können. Also hat er seinem Sohn – unwissentlich – mit der Zeit alles besorgt, was man zum Bau eines Fluchtballons braucht. Außerdem hat Busemann ein paar Kilometer weiter westwärts einen Bruder mit ähnlichen Talenten. Dass ähnliche Talente in unähnlichen Gesellschaften ganz verschiedene Dinge bewirken, ist ein schon oft variierter, aber noch immer schöner Gedanke. Will sagen: Jede Wirklichkeit korrumpiert anders. Ja, doch, das hat ein paar Momente, die ein Lächeln nicht ausschließen. Aber wer die sehen will, muss stark sein: Ost-Busemann darf zum 50. Geburtstag von West-Busemann (clever-gemütvoll: Jürgen Tarrach), und Ost-Busemann junior kommt auch im Ballon. Die Wiedervereinigung der Busemanns wäre also vollkommen, hätte sich Busemann-Ost nicht in eine Staatstrulla, die Bürgermeisterin seines Ortes, verliebt. Katrin Sass scheint seit „Good bye, Lenin“ darauf abonniert zu sein, den Charme der Linientreue zu verkörpern. Im Wiederholungsfall nervt das dann doch.

Alles kommt hier so beiläufig wie diese Liebe: deutsch, bieder, vorsätzlich und dabei keinem wehtun wollen – das ist keine gute Mischung, nicht mal zum 3. Oktober. Dann lieber noch einmal „Good bye, Lenin“ sehen. Und der ist immer noch lustig, selbst beim dritten Mal.

„Heimweh nach Drüben“, 3. Oktober, ARD, 20 Uhr 15

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