Medien : Schwesternhiebe

Schön abstrus: Der erste „Tatort“ von „Paul is dead“-Regisseur Handloegten

Thomas Gehringer

Das konnte ja nur böse enden: Das Pärchen, das da vermummt im Unterholz hockt, zankt sich schon vor dem geplanten Raubüberfall. Das Ergebnis sind ein toter Juwelier, ein angeschossener Raubmörder und eine Komplizin, die die Gunst der Stunde nutzt und sich mit den Diamanten davonmacht. „Marie, was soll das?“, ruft ihr der am Boden liegende, offenbar ein wenig begriffsstutzige Freund hinterher. Damit ist für die Zuschauer zweierlei geklärt: Eine Gangster-Romanze à la Bonnie und Clyde wird das nicht mehr werden, und hinter einer der Masken verbirgt sich die „Pechmarie“, die Titelfigur dieser „Tatort“-Folge aus Köln.

Klingt nach verkehrter Welt, denn Pechmarie scheint doch eigentlich die Glücksmarie zu sein: Immerhin ist sie nun die alleinige Besitzerin der 800 000 Euro teuren Edelsteine. Doch die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) haben die Identität des stümpernden Verbrecherpärchens schnell gelüftet. Dabei ist ihnen der verletzte Haupttäter Heiner Wolff (Peter Moltzen) nicht einmal ins Netz gegangen. Wolff gelingt die Flucht. Pechmarie sitzen nun alle im Nacken: der ebenfalls flüchtige Ex-Komplize und natürlich die Polizei.

Pechmarie hieße jedoch nicht Pechmarie, wenn es nicht auch eine ungleiche Schwester gäbe, das lernt man schon im Märchen. Nicolette Krebitz spielt sie: Sophie Menke, eine Berufsmusikerin, die gerade aus den USA zurückgekehrt ist, aber zu ihrer untergetauchten Schwester kein besonders gutes Verhältnis hat. Pechmarie und Glückssophie wurden die beiden in der Kindheit genannt, weil der einen nichts und der anderen alles gelang. Die Kommissare, besonders Schenk, weichen nicht von Sophies Seite, teils aus ermittlungstaktischen Gründen, teils aus Sympathie. Nebenbei renoviert Heimwerker Schenk („Kleiner Tipp: Sie müssen nass in nass streichen“) deren neue Wohnung.

Regisseur Hendrik Handloegten („Liegen lernen“, „Paul is dead“) beweist in seinem ersten „Tatort“ Mut zu skurrilen Figuren und zu einer in vielen Details augenzwinkernden Inszenierung. Nicht jedes Mal wird man derart mit der Nase darauf gestoßen wie in einer Szene mit Freddy Schenk, den die Angst vor einer Scharlachinfizierung umtreibt und der sein Gesicht vor einem Theaterspiegel auf Hautrötungen absucht. Zu sehen ist im Spiegel freilich nur der Schriftzug „Der eingebildete Kranke“. Herrlich überzogen sind zwei Figuren: Sophies Ex-Verlobter Antonio Bartolini (Alexander Sascha Nikolic), ein arbeitsloser Opernsänger italienischer Abstammung, trotzt mit seinem sonnigen Gemüt dem Schicksal und sogar der schlechten Laune Ballaufs. Und der schmierige Hehler Herr Niedlich, von Peter Kern mit Wiener Schmäh („Bin i a Trottel?“) gespielt, sitzt an einem einsamen Schreibtisch in einer Lagerhalle inmitten seiner Ware. Besucher müssen einen goldenen Klingelknopf drücken, und um Punkt sechs erwachen alle Kuckucksuhren, die in Reih und Glied auf Käufer warten. Es schadet nichts, wenn dem etablierten Team Ballauf und Schenk auf derart absurde Weise das Lokalkolorit ein wenig ausgetrieben wird. Gut, der 1. FC Köln verliert mal wieder, was der Kult-Stimme von Manni Breuckmann einen „Tatort“- Einsatz beschert, doch das obligatorische Kölsch am Rhein dürfen die Kommissare diesmal nicht genießen. Dafür gibt es vom ausgezeichneten Kameramann Peter Przybylski ungewöhnliche, melancholische Ansichten einer Großstadt am Fluss im Rhythmus einer ruhig pulsierenden Musik. Köln, einmal anders.

„Tatort: Pechmarie“, ARD, 20 Uhr 15

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