"Self-Tracking" : Selbstoptimierer im Fitness-Wahn

Kilometerzählen mit der Smartwatch, Fitness per Handy-App. Weil die Digitaltechnik dem Sport auf die Sprünge hilft, fürchten sich einige Zeitgenossen vor dem Virus der Selbstoptimierung.

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Mit Bewegung gegen die Kalorien: Die "Apotheken-Umschau" hat eine Fitness-App entwickelt.
Mit Bewegung gegen die Kalorien: Die "Apotheken-Umschau" hat eine Fitness-App entwickelt.Foto: Getty Images, fotolia; Montage: tsp/ Daniel Streuber

Jetzt hat es auch Clemens erwischt. 22,4 Kilometer ist er gelaufen. Man sieht sogar, wo genau er gejoggt ist. Erst die große Runde durch den Park, einen Schlenker vorbei am Freibad und über den größtmöglichen Umweg nach Hause. Drei Stadtteile hat er sich erlaufen. Clemens, Philosophiestudent im zweistelligen Semesterbereich, war eine der letzten Bastionen der Unvernunft in meinem Freundeskreis. Ein Mann, der jahrelang der festen Überzeugung war, dass Sport eine Art Selbstgeißelung der Gesellschaft sei. Die Fitnessbewegung war für ihn nur ein weiterer Trend, den es auszusitzen galt. Und jetzt steht da diese Zahl in meiner Facebook-Timeline. 22,4. Nur wenige Posts über den 15,8 Kilometern, die Damian am Wochenende abgerissen hat. Darunter hat ein gemeinsamer Freund einen Kommentar verfasst. „Wow!“. Knapp 20 Leuten gefällt das.

Clemens, Damian und ein erschreckend großer Teil meiner Facebook-Freunde sind vom Virus der Selbstoptimierung befallen. Der Trend heißt „Self-Tracking“ und kommt aus den USA. Gerade jetzt, da der Frühling erwacht und die schlechten Angewohnheiten des Winters nicht mehr unter dicken Pullis versteckt werden können, häufen sich die Einträge. Aufgenommen werden die Daten von Smartphones oder eigens zur Überwachung erfundenen Armbändchen. Die Schauspielerin Gwyneth Paltrow trägt so eins. Ebenso wie Paul Achleitner, Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank.

Mit Runkeeper Kilometer zählen, mit MoodPanda Emotionen mitteilen

Wer sich nicht extra ein Plastikbändchen kaufen möchte, das einen daran erinnert, wie faul man den Tag über war, dass man zu fettig gegessen oder zu unruhig geschlafen hat, der kann sich an einem immer größer werdenden App-Markt bedienen. Mit Runkeeper lässt sich die gejoggte Strecke erfassen, MoodPanda zeigt an, wie man sich fühlt. Eine Schnittstelle zu sozialen Medien ist bei den meisten Apps praktischerweise direkt dabei.

Bisher dachte ich immer, dass ich mich von solchen Dingen nicht beeinflussen lasse. Seit ich aber weiß, wie gesund sich Vanessa ernährt, wie viel Sit-ups Matthias jeden Morgen macht, plagen mich Selbstzweifel. In den Posts der anderen schwingt der stille Vorwurf mit, dass ich dem Gesundheitssystem schade, dass ich unperfekt bin, ja asozial, dass ich esse, was mir schmeckt und dass das falsch ist.

Am Abend treffe ich Clemens in einer Kneipe. Er bittet mich, mein Handy benutzen zu dürfen. Was denn mit seinem sei, frage ich. „Das habe ich meinem Mitbewohner gegeben, der trainiert gerade für einen Marathon.“ Ich brauche einen Moment, dann erscheint eine Nachricht auf meinem Display. Facebook: „Clemens ist gerade 23,3 Kilometer gelaufen.“ Er trinkt sein Bier aus, fixiert mich einen Moment, dann prustet er los. „Du hast den Scheiß nicht ernsthaft geglaubt, oder?“ Nein, lüge ich. „Noch ein Bier“, fragt er. Ja, sage ich und stecke das Handy in die Tasche.

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