Medien : „Sie haben heute einen Sieg errungen“

Manfred Rexin erinnert sich an das Programm von Rias Berlin am 16. und 17. Juni 1953

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Was am Morgen des 16. Juni 1953 auf drei Baustellen der OstBerliner Stalinallee als Streik gegen die Normenerhöhung begann und sich in den folgenden Stunden zu einem großen Protest gegen das herrschende Regime steigerte, um am folgenden Tag auch außerhalb des Berliner Sowjetsektors in einen Volksaufstand zu münden, war für westdeutsche Politiker und Journalisten ein gänzlich unerwartetes Ereignis – auch für die Redakteure des „Rundfunks im amerikanischen Sektor“.

Zwar hatte der Sender in den vorhergehenden drei Monaten, die seit dem Tod Stalins vergangen waren, immer wieder – in seinen am frühen Morgen ausgestrahlten Sendungen „Werktag der Zone“ – über die vielerorts lautstarke Kritik an erhöhten Arbeitsnormen und strittiger Lohnbemessung berichtet. In seinen 19-Uhr-30-Nachrichten meldete der Rias am Abend des 15. Juni, auf drei Baustellen des VEB Industriebau – Stalinallee Block 40, Krankenhaus und Volkspolizei-Inspektion Friedrichshain – seien die Arbeiter zum Protest gegen die von der Regierung angeordnete zehnprozentige Normenerhöhung „in den Ausstand“ getreten. Keine der großen westlichen Nachrichtenagenturen und auch keine West-Berliner Zeitungsredaktion wollten dieser Nachricht Glauben schenken – sie passte nicht in die im Westen vorherrschende Auffassung, ein totalitäres Regime wie das von den Sowjets vorgegebene in der DDR habe alle notwendigen Instrumente, um dergleichen bereits im Keim zu ersticken. Und noch Tage nach dem 17. Juni mutmaßten die Redakteure des Hamburger „Spiegel“ und westliche Geheimdienste wie die Organisation Gehlen, der Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes, ihren Anstoß hätten die dramatischen Ereignisse in Ost-Berlin durch eine Propaganda-Inszenierung der SED-Führung im Zeichen ihres „Neuen Kurses“ erfahren – die Sache sei dann aber der Kontrolle der Partei entglitten.

13 Uhr 30: Die erste knappe Meldung

Dass die Streikenden am Morgen des 16. Juni jene drei Baustellen verließen und einen Protestzug zum Haus der Ministerien formierten, dem sich unterwegs immer mehr Menschen anschlossen, das erfuhren die Bewohner im Westteil der Stadt erst am späten Nachmittag oder gegen Abend: Die Telefonverbindungen zwischen Ost- und West-Berlin waren seit Mai 1952 unterbrochen. Einige Journalisten, die vormittags in den Ostsektor gefahren waren, beobachteten – anfangs ungläubig – die sich entfaltende Demonstration, kehrten aber in der Regel erst mittags in ihre Redaktionen zurück. In seinen 13-Uhr-30-Nachrichten strahlte der Rias zunächst nur eine knappe Meldung aus – über Demonstrationen, denen sich zahlreiche Berliner angeschlossen hätten: „Das Ausmaß der heutigen Protestaktionen ist zur Stunde noch nicht abzusehen.“

Drei Stunden später – in den 16-Uhr-30-Nachrichten – war bereits wesentlich mehr über die Proteste im Ostteil der Stadt zu erfahren. Tausende Arbeiter und Passanten seien über den Lustgarten, die Linden entlang, zum „Haus der Ministerien“ in der Leipziger Straße gezogen: „Der Platz vor dem Regierungsgebäude war bald mit einer dichten Menschenmenge gefüllt, die in lauten Sprechchören ‚Wir fordern höhere Löhne und niedrigere Preise. Wir verlangen die Beseitigung der Normen. Weg mit der Regierung. Wir wollen freie Wahlen‘ rief.“ Einzelne hätten zum Generalstreik aufgerufen. Schließlich habe die „Sowjetzonen-Regierung Lautsprecherwagen durch die Straßen“ geschickt, die „den Massen mitteilten, die Normenerhöhung sei abgesetzt. Diese Mitteilung wurde von den Demonstranten mit Gelächter und der Forderung aufgenommen, Grotewohl und Ulbricht sollten abtreten. Die Demonstrationen halten zur Stunde noch an.“

Das Stichwort „Generalstreik“ tauchte in allen folgenden Rias-Sendungen nicht mehr auf, nachdem die beiden amerikanischen Direktoren des Senders, Fred Taylor und Gordon Ewing, nach einer Rücksprache mit ihren Vorgesetzten im US-Hauptquartier den deutschen Programmdirektor Eberhard Schütz und Chefredakteur Egon Bahr angewiesen hatten, einen Aufruf zum allgemeinen Streik nicht zu verbreiten.

Um 18 Uhr 30 erfuhren die Hörer der Rias-Sendereihe „Die Zeit im Funk“, dass eine Delegation der Demonstranten – bestehend aus zwei Arbeitern von der Stalin-Allee und einer Angestellten – im Funkhaus erschienen sei und darum gebeten habe, ihre Forderungen zu notieren, die eine Stunde später in den 19-Uhr-30-Nachrichten so zusammengefasst wurden: „1. Auszahlung der Löhne bei der nächsten Lohnzahlung bereits wieder nach den alten Normen. 2. Sofortige Senkung der Lebenshaltungskosten, 3. Freie und geheime Wahlen, 4. Keine Maßregelung der Streikenden und ihrer Sprecher“.

In allen weiteren Nachrichtensendungen des Abends und der Nacht wurde diese Information wiederholt. Die Stimmen von Ost- Berliner Streikenden waren am 16. Juni im Programm des Rias nicht zu hören. Bis zum Abend enthielt sich der Sender wertender Kommentare. Gegen 20 Uhr ging Programmdirektor Schütz vor das Mikrofon, um die Ereignisse des Tages einzuordnen: „Sie, verehrte Hörerinnen und Hörer, haben heute einen Sieg errungen.“ Jeder einzelne müsse „für sich selbst wissen, ob die Umstände seiner persönlichen Situation in seinem Betrieb es ihm erlauben, den Widerstandswillen der Bevölkerung der Zone auszudrücken, jeder einzelne muss wissen, wie weit er gehen kann… Wir würden uns glücklich schätzen, wenn wir Ihnen in den nächsten Wochen von weiteren Siegen berichten könnten.“ Drei Mal wurde dieser elfminütige Kommentar von Eberhard Schütz wiederholt – um 22 Uhr 40, um 0 Uhr 10 und um 2 Uhr 10. Auf die zweite Ausstrahlung folgte – kurz vor 23 Uhr – eine aus Bonn überspielte Ansprache des Bundesministers für gesamtdeutsche Fragen, Jakob Kaiser (CDU), – Tendenz eher dämpfend: „Wir wissen den Sinn und wir wissen den Mut Eurer Demonstrationen zu würdigen, bitten Euch aber im Vertrauen auf unsere Solidarität Besonnenheit zu wahren.“ Im Laufe des Tages hatte sich bei den Verantwortlichen des Rias die Erkenntnis durchgesetzt, dass es ihre Informationspflicht gebot, über einen sich ausbreitenden Flächenbrand zu berichten, ohne das Feuer weiter anzufachen. Beraten von Rias-Redakteuren ging in den Abendstunden des 16. Juni der West-Berliner DGB-Vorsitzende Ernst Scharnowski daran, eine Erklärung als „dienstältester demokratischer Gewerkschafter und Vorsitzender des DGB östlich der Elbe“ zu formulieren, mit der er „keine Anweisungen erteilen“, sondern „nur aus ehrlichster Verbundenheit gute Ratschläge geben“ wollte. Scharnowski bediente sich einer Parole, die am Nachmittag in Ost-Berlin aufgekommen war und die der Rias von 23 Uhr an in allen Nachrichtensendungen zitierte: Mittwoch – 7 Uhr – Strausberger Platz! Der Berliner DGB-Vorsitzende erklärte – und das wurde am frühen Morgen des 17. Juni dreimal zwischen 5 Uhr 36 und 7 Uhr 30 ausgestrahlt: „Tretet darum der Bewegung der Ost-Berliner Bauarbeiter, BVGer und Eisenbahner bei und sucht Eure Strausberger Plätze überall auf. Je größer die Beteiligung ist, je machtvoller und disziplinierter wird die Bewegung für Euch mit gutem Erfolg verlaufen.“

Für das gesamte Programm des Rias am 17. Juni – wie in den folgenden Tagen – war der Aufstand das beherrschende Thema – und nun waren die Stimmen der Demonstranten in zahlreichen Reportagen zu vernehmen, die allerdings nicht im Ostsektor aufgezeichnet werden konnten, denn, wenn Rias-Mitarbeiter die Sektorengrenze mit Mikrofon und Aufnahmegerät überschritten hätten, wäre es für sie gefährlich gewesen. Sie beobachteten das Geschehen – vor allem am Potsdamer Platz und am Brandenburger Tor – von der Sektorengrenze aus. Den langen Marsch der Hennigsdorfer Stahlarbeiter durch den französischen Sektor begleitete der Rias-Reporter Rainer Höynck, und Peter Schultze gelang es, den stellvertretenden DDR-Ministerpräsidenten Otto Nuschke in einem Interview zu befragen, nachdem Nuschke, bekannteste Gestalt der Ost-CDU, von Demonstranten bedrängt, über die Sektorengrenze nach West-Berlin ausgewichen war.

„Verliert nicht die Nerven!“

Mit der Verkündung des Ausnahmezustandes am 17. Juni 1953 kurz nach 13 Uhr galt für alle Äußerungen des Rias das Gebot, ein Vorgehen gegen die Truppen der Sowjets sei nicht zu verantworten: „Verliert nicht die Nerven!“

Hätte es den „Rundfunk im amerikanischen Sektor“ vor 50 Jahren nicht gegeben – die Kunde vom Aufruhr in Ost-Berlin wäre von Reisenden, durch Telefongespräche, durch andere westliche Sender, NWDR, süddeutsche Stationen, die Londoner BBC verbreitet worden – aber nichts so schnell, so detailliert, so umfassend und glaubwürdig wie durch Rias Berlin. Am Abend des 18. Juni, als Waffengewalt den Aufstand niedergeworfen hatte, wandte sich Egon Bahr an die Hörer im Osten: Es sei ergreifend gewesen, mit Menschen aus Ost-Berlin zu sprechen, die in den Sender gekommen seien und um direkte Hilfe fast flehentlich gebeten hätten, – und „unsagbar schwer, sie ihnen zu verweigern, verweigern zu müssen, eben weil sonst der ganze Sinn, die ganze Größe des Ereignisses gefährdet worden wäre, die gerade darin besteht, dass alles das, unorganisiert, dem Willen dieser Menschen in Ost-Berlin entsprang.“

Manfred Rexin begann 1961 als freier Mitarbeiter beim Rias. Von 1989 bis 1994 war er Leiter der Hauptabteilung Kultur und Zeitgeschichte. Rexin beschäftigte sich bereits während seiner Zeit beim Rias ausführlich mit der Geschichte des Senders. Zuletzt erschien von ihm im Jahr 2002 das Buch „Radio-Reminiszenzen. Erinnerungen an RIAS Berlin“.

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