Sinn und Irrsinn : Olli Dittrich seziert den TV-Talk

Der Comedian Olli Dittrich lässt das Fernsehen nicht Fernsehen sein: Er bittet in fünf Rollen zum „Talkgespräch“. Und setzt seinen TV-Zyklus fort.

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Einmal Stratmann, fünf Mal Dittrich.
Einmal Stratmann, fünf Mal Dittrich.Foto: WDR

Im gerade begonnenen „TV-Zyklus“ des Olli Dittrich gibt es eine Konstante: das sächselnde „Reporter-Urgestein“ Sandro Zahlemann. Bereits vor einem Jahr sah man ihn in Dittrichs „Frühstücksfernsehen“. Fröstelnd berichtete er vor einem Chemiewerk in Budenow, Sachsen-Anhalt, über einen „möglichen Vorfall“. Tatsächlich passierte rein gar nichts, doch über dieses Nichts redete Zahlemann alias Dittrich bei einer Schalte ins Studio ausgiebig. Am Ende versprach der Moderator in einer hübschen Umkehrung des Informationsflusses: „Wir halten Sie auf dem Laufenden, Sandro Zahlemann.“ Der pflichtbewusste Reporter antwortete: „Ja, is gut, dann wart ich hier.“ Fernsehen aus Absurdistan. Dittrich machte sich über die Potemkinschen Dörfer des aktuellen Nachrichtengeschäfts lustig und hatte zugleich eine Figur erfunden, die für Fortsetzungsgeschichten taugt.

Denn nun ist Sandro Zahlemann einer von fünf Gästen in „Das Talkgespräch“, der zweiten Runde in der losen Olli-Dittrich-Reihe über das Fernsehen und seine verschiedenen Formate. Weitere „TV-Zyklus“-Folgen sind mit dem WDR vereinbart. Im „Talkgespräch“, der Persiflage mit der unsinnigen Begriffsverdoppelung im Titel, erfahren wir endlich, wie die spannende Reportage aus Budenow weitergegangen ist. Moderatorin Simone Rabe (Cordula Stratmann) fragt zupackend: „Und was passierte dann danach?“ Zahlemann, erwartungsgemäß: „Nichts.“ Während seine Kollegen von Bild und Ton um 1 Uhr 03 ihre Sachen gepackt hätten, sei er „am Ort des nicht vorhandenen Geschehens alleine zurückverblieben“. Am frühen Morgen nahm er dann den Bus. Dittrich verulkt mit dieser tragikomischen Figur auch die biedere MDR-Ostalgie. Denn Sandro Zahlemann soll jetzt eine eigene Show bekommen. Bei „Geliebt, Gelobt, Genossen“ will er „Stars von gestern bis vorgestern“ versammeln. Strahlend verspricht er ein „buntes Einerlei“.

Manchmal sind vier, fünf Dittrichs zu sehen

Wieder spielt der 58-jährige Olli Dittrich eine Vielzahl von Figuren selbst, was hier auch eine besondere technische Herausforderung war. Denn meistens sind vier, manchmal sogar fünf Dittrichs gleichzeitig zu sehen. Dazu mussten alle Szenen der verschiedenen Protagonisten einzeln aufgezeichnet und nachträglich im Computer zusammengesetzt werden. Verblüffend, wie harmonisch das Gesamtbild wirkt. Zwar sind die Gäste – wie in einer echten Boulevard-Talkshow – vor allem an sich selbst interessiert. Gespräche gibt es deshalb fast nur in Dialogform zwischen Moderatorin und Gast, doch auch minimale Interaktionen – Körperbewegungen, Blicke – müssen passgenau aufeinander abgestimmt sein. Und am Ende wird es mal kurz regelrecht turbulent.

Bei den Dreharbeiten in Köln war ein „Motion Control System“ zum Einsatz gekommen, bei dem die auf einem fahrbaren Arm montierte Kamera millimetergenau justiert werden kann. Das passt gut zu Dittrichs exakter Arbeitsweise. Im „Talkgespräch“ lässt sich dies vor allem an den Figuren erkennen, die er detailversessen gestaltet – ihre Körperhaltung, ihre Art, sich zu bewegen und zu sprechen, ihre Frisuren, die Kleidung. Und jedem geben Dittrich und Koautor Claudius Plaging eine vergleichsweise umfangreiche Biografie und komische Geschichten mit auf den Weg. Trixie Dörfel zum Beispiel, ganz in Weiß gekleidet, immerzu gekünstelt lächelnd, die Hand elegant auf die übereinandergeschlagenen Beine gelegt, ist die „reife Seriendarstellerin und ehemalige Schlagersängerin“. Als Teenager hatte sie einen Hit, später war sie der Star der Serie „Klinikparadies“, hatte fünf Ehen mit drei Männern und auch einige Auszeichnungen erhalten. Etwa den „Goldenen Löffel der Stadt Bad Hersfeld“. Wie alle Talkgäste darf sie ihre aktuellen Projekte bewerben, eine Kosmetikserie und den ARD-Zweiteiler „Es muss nicht immer Afrika sein“. Das nutzt Dittrich zu einer Persiflage auf Fernsehschmonzetten. In einem von Leander Haußmann inszenierten Filmausschnitt spielt Dörfel alias Dittrich an der Seite von Jan Josef Liefers (dem echten).

Neben der sich im österreichischen Akzent um Kopf und Kragen plappernden Dörfel treten noch der einsilbige Tierfilmer Andreas Baesecke und ein gelangweilter Politjournalist namens Hauke Roche-Baron mit französischem Zungenschlag auf. Der spielt mit Peer Steinbrück Schach und legt den filmischen Beweis vor, dass das Wembley-Tor tatsächlich keines war.

Sein musikalisches Talent kann Dittrich außerdem mit einem Auftritt als Songwriter „Platzhirsch“ ausspielen, der in der Band von Marius Müller-Westernhagen mitwirkt und im Studio seinen Solo-Hit „Chillin’ con Carne“ zum Besten gibt. Alle diese sonderbaren Gestalten wirken wie Typen, denen man glänzenden Erfolg nicht zutraut, aber irgendwie doch gönnt. Und die im Fernsehen, dem Medium mit Herz, zum Glück willkommen sind.

Wenn man eins an dieser mit großer Fabulierlust gestalteten Fernsehsatire übers Talk-Fernsehen kritisieren möchte, dann vielleicht das: Angesichts all der prominenten Mitbeteiligten scheint Dittrich selbst ein wenig der branchentypischen Eitelkeit zu erliegen, die er hier so unterhaltsam und meisterhaft vorführt.

„Das Talkgespräch“; ARD, Samstag, um 23 Uhr 15

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