Sonntagskrimi : Mit weiblichem Blick

Isabell Gerschke mischt als junge Kollegin die altgedienten „Polizeiruf“-Kommissare Schmücke und Schneider aus Halle auf.

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Foto: MDR/Andreas Wünschirs

Die Hauptkommissare Herbert Schmücke und Norbert Schneider aus Halle an der Saale gehören nicht gerade zu den Popstars der ARD-Reihe „Polizeiruf 110“. Eher sind sie den redlichen Routiniers zuzurechnen. Vor allem bei Schmücke (Jaecki Schwarz) haben die Dienstjahre nicht nur mit Blick auf das Gewicht Spuren hinterlassen. Auch im Umgang mit dem anderen Geschlecht lässt der Kommissar jegliche Flexibilität vermissen. Dass er die Anschaffung eines Navigationsgerätes für den Dienstwagen ablehnt, weil er sich „von einer Frau nicht den Weg vorschreiben lassen will“, gehört noch in den Bereich der Schrullen.

Andere Äußerungen sind nur noch mit Alters-Chauvinismus zu erklären. Selbst Kollege Schneider (Wolfgang Winkler) fällt das Ausgleichen schwer. So wie in dem ehemaligen Bergwerkstollen im Harzvorland. Hier hat der Hund eines Fledermauskundlers einen grausamen Fund gemacht. In einem Schacht liegt die Leiche eines jungen Mädchens. Mit ihren kurzen Hosen, dem weit geöffneten Hemd über dem Push-up-BH und den hochhackigen Schuhen sieht sie tatsächlich aufreizend aus, das gibt die junge Oberkommissarin Nora Lindner (Isabell Gerschke) selbst zu. Doch was Schmücke damit sagen will, das gefällt ihr ganz und gar nicht: „Sagen Sie schon, Sie finden sie nuttig“, wirft Lindner ihm geradeheraus an den Kopf. „Ja, finde ich“, antwortet der. „Man könnte sagen, sie hat sich in Schale geworfen“, ringt Schneider um Ausgleich, doch der Burgfrieden bleibt brüchig.

Wie sich herausstellt, handelt es sich bei der jungen Toten um eine siebzehnjährige Gymnasiastin aus Halle. Die Eltern, völlig verstört von der Todesnachricht, waren ohnehin nicht vom Glück verfolgt. Sie leben erst seit ein paar Jahren in der Saale-Stadt, haben für ihren Teil eines Mehrfamilienhauses in Halle Süd mit Blick auf die alte DDR-Trabantenvorstadt ihre gesamten Ersparnisse geopfert und sind nun komplett überschuldet, es droht die Räumung. Um ihre Eltern finanziell zu entlasten, hat Tochter Nadine im Tennisklub am Stadtrand von Halle gejobbt, dort, wo sie zuletzt lebend gesehen wurde.

Nadine und ihre Freunde Daniel und Patrick waren eine verschworene Gemeinschaft, schon fast berühmt-berüchtigt für ihre Scherze, aber auch dafür, sich mit der Teilnahme an Demonstrationen unter anderem gegen die Macht der Finanzwirtschaft mit der Obrigkeit anzulegen. „Was haben sie denn jetzt wieder angestellt“, fragt eine Schulkameradin zuerst, bevor sie von Nadines Tod erfährt.

Tatsächlich hatte das jugendliche Dreigespann längst den Namen „Troika“ für sich übernommen, den Mitschüler für sie gefunden hatten. Doch so harmonisch und ausgewogen waren die Verhältnisse nicht in dieser Gruppe. Wie so oft, wenn es sich bei einem Mitglied um eine hübsche Frau wie Nadine handelt, ging es den beiden Jungen längst um mehr als um eine rein platonische Freundschaft. Die Sorgen der Polizei-Troika gehen freilich in eine ganz andere Richtung: Warum hat Nadine die Verabredung mit Daniel nicht eingehalten? In welchem Zusammenhang steht der Einbruch im Tennisklub in der gleichen Nacht, bei dem nicht nur die Kasse mit einigen hundert Euros gestohlen wurde, sondern zugleich die Festplatte mit den Aufnahmen von der Überwachungskamera? Und dann stellt sich auch noch heraus, dass Nadine schwanger war.

Die „Polizeiruf“-Folge „Risiko“ folgt einer verwickelten Geschichte (Drehbuch: Xao Seffcheque und Jürgen Starbatty). Trotz aller Wendungen, die der Krimi im Verlauf nimmt, bleibt das unangenehme Gefühl, dass der Plot dahinter nicht einmal weit hergeholt ist. Ein Jahr Lektüre der „Mitteldeutschen Zeitung“ dürfte ausreichen, um das zu belegen. An Andeutungen und Hinweisen auf die Motive mangelt es in diesem TV-Krimi jedenfalls nicht. Wohin sie führen, das verrät der ruhig erzählte Film (Regie: Thorsten Schmidt) zur rechten Zeit.

„Polizeiruf 110: Risiko“, 20 Uhr 15, ARD

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